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Reisebericht Kanada 2022


Sonnenaufgang am Moraine Lake

„You are a big coutry. You are the kindest country in the world. You are like a really nice apartment over a meth lab“

-

„Ihr seid ein großes Land. Ihr seid das höflichste Land der Welt. Ihr seid wie eine richtig nette Wohnung über einem Methlabor.“


Das ist es, was den meisten Leuten einfällt, wenn man sie nach Kanada fragt: Höflichkeit, Nettigkeit, Gastfreundschaft. Auch wir haben die kanadische Gastfreund


schaft erfahren, als wir auf unserer Hochzeitsreise wenigstens ein paar Tage die Ostküste Kanadas besuchen konnten.

Seitdem wurde der Wunsch, Kanada richtig zu bereisen immer größer und ich wusste, dass ich irgendwann dieses Land bereisen würde. Spätestens als ich vom Orca-Camp auf Vancouver Island erfahren habe, stand für mich eines fest: Sobald ich die Möglichkeit dazu habe, werde ich dieses Land bereisen. 2022 soll es endlich soweit sein. Ich möchte mich selbst von der Schönheit und Freundlichkeit Kanadas überzeugen.

Hier noch eine kleine Anekdote, bevor der Reisebericht startet:

Ich fühle mich mit Kanada verbunden, seitdem ich ein kleines Kind war. Nicht, weil ich viel über das Land wusste, sondern wegen meiner Familie. Ich habe einen Onkel, den ich in meiner Kindheit nur 1-2 mal im Jahr gesehen habe. Irgendwann habe ich gefragt, warum er nie da ist. Er sagte mir: „Weil ich dein Onkel aus Kanada bin.“ Ich war beeindruckt. Mein Onkel lebte in Kanada. Überall erzählte ich es. Über Jahre nannte ich ihn meinen Onkel aus Kanada. Bis mir dann schließlich gesagt wurde, dass es nur eine Lüge war. Eigentlich ein Spaß, den ich als Kind aber nicht verstanden hatte. Tja, bis heute nenne ich ihn meinen Onkel aus Kanada. Zu Weihnachten bekommt er immer was, was etwas mit Kanada zu tun hat und ich habe ihm fest versprochen, auf meiner Reise seine Familie vor Ort zu grüßen…


08.07.2022 07.07.2022

Berlin – Frankfurt – Calgary

„Everything will be fine. You´ll see“


Das schrieb mir ein befreundeter kanadischer Fotograf, als er merkte, wie aufgeregt ich war.

Schon Monate im Voraus haben wir gebangt. Wie werden die Einreisebestimmungen sein? Was soll ein Quarantäneplan sein? Wird es reichen, 3 Mal geimpft zu sein? Müssen wir einen PCR Test machen?

Doch schlimmer waren die Unsicherheiten, die dann kurz vor der Reise kamen: Werden wir gesund bleiben (als Lehrerin kann man sich ja doch schnell anstecken)? Wird unser Flieger wie geplant gehen?

In diesem Jahr schien ein reines Chaos an allen Flughäfen zu sein. Viele Airlines strichen zahlreiche Flüge. Unter anderem auch Lufthansa. Die Airline, die uns nach Kanada bringen sollte. Wir bangten und checkten so oft wie nie unseren Flugstatus.

Eine Woche vor Abflug war es dann soweit: Unser Flug von Berlin nach Frankfurt wurde gestrichen. Wir buchten ein Bahnticket für den 07.07. natürlich auf unsere Kosten, da Lufthansa uns kein Zugticket stellen konnte. Das Geld müssten wir uns im Nachhinein zurückholen. Am 07.07. war ich also ein reines Nervenbündel. Ich hatte Bauchschmerzen vor Aufregung, obwohl wir erst einmal nur nach Frankfurt fahren würden. Die Zugfahrt verging schnell. In Frankfurt checkten wir gleich in dem Hotel ein, das wir immer nutzen, wenn wir von Frankfurt aus fliegen: Park Inn by Radisson Blue am Flughafen.

An diesem Tag wollten wir nicht mehr viel machen. Wir liefen eine halbe Stunde zum Flughafen, um schonmal nachzusehen, wie chaotisch es wirklich war und wo wir am folgenden Tag hinmüssen. Es war relativ leer, doch ein Mitarbeiter von Air Canada sagte uns, dass es vormittags aktuell zu sehr langen Schlangen kommt. Auch die App von Air Canada empfiehlt aktuell, 4 Stunden vorher am Flughafen zu sein.

Danach gingen wir noch gegenüber von unserem Hotel essen. Der Italiener „The Italian“ hat vor etwa einem Jahr eröffnet und wir waren schon vor unserer Keniareise begeistert von dem Laden. Und auch in diesem Jahr war der Service und das Essen sehr gut. Eine klare Empfehlung.

Wir versuchten, früh schlafen zu gehen, um am nächsten Tag ausgeruht unsere Reise starten zu können.


08.07.2022

Frankfurt – Calgary

„If you think you’re too small to have an impact, try going to bed with a mosquito.! – Anita Roddick


Ob ich nervös war? … Na ja, vielleicht ein bisschen. Okay, vielleicht auch etwas mehr. Empfohlen war es, 4 Stunden vorher am Flughafen zu sein, also waren wir nach einem ausgiebigen Frühstück 5 Stunden vorher da. Wir rechneten mit allem, aber nicht damit: Der Flughafen war leerer, als wir es gewohnt waren. An der Gepäckabgabe warteten wir 30 Minuten, beim Security-Check waren wir nach nur 8 Minuten durch und die Passkontrolle dauerte keine Minute. So hatten wir also noch über 4 Stunden Zeit, als wir an unserem Gate ankamen.

Unser Flugzeug war noch nichtmal da. Wir hatten eine SMS bekommen, dass das Flugzeug 20 Minuten Verspätung haben würde, da es beim vorherigen Flug Verzögerungen gab.

Wir liefen durch den Flughafen, sahen uns um und fanden schließlich Liegestühle mit Stromanschluss, auf denen wir uns die Wartezeit vertrieben. Viele hätten sich sicher über die lange Wartezeit geärgert, aber ich muss zugeben, dass ich darüber erleichtert war, schon bereit zu sein. Man konnte entspannt darauf warten, dass es losging.

Das Boarding war ein riesiges Chaos und dauerte so lange, dass wir im Endeffekt etwa 1 Stunde Verspätung hatten. Aber auch das war mir egal. Ich freute mich einfach, dass es jetzt endlich losging.

Der Flug zog sich. 9 ½ Stunden finde ich eigentlich in Ordnung, aber man darf nicht vergessen, wie lange wir vorher schon unterwegs waren. Fasziniert betrachtete ich Grönland aus der Luft, einfach wunderschön.

Ausblick über Grönland

Sonst sahen wir Filme, aßen und ich machte etwas Sport (Kniebeuge, Ausfallschritte, Dehnübungen). Nach der Landung ging dann alles ganz schnell: Aussteigen, Anmelden, Einreisegespräch, Koffer abholen. Wir waren nach 30 Minuten raus. Was uns dabei auffiel: Die Beamten lächelten alle. Wirklich ein schönes Gefühl, mal nicht grimmig angesehen zu werden.

Ich war überglücklich, hatte sogar Tränen in den Augen. Jetzt stand unserem Urlaub nichts mehr im Weg.


Das Glück wurde schnell wieder getrübt: Bei der Abholung des Mietwagens wollten sie anstatt 63 Dollar 400 Dollar Gebühr dafür, dass wir das Auto an einem anderen Ort zurückgaben. Diskussionen halfen nichts. Wir mussten bezahlen und uns mit der Agentur auseinandersetzen, über die wir gebucht hatten. Schon nervig. Mal sehen, ob wir unser Geld zurückbekommen werden (Nachtrag: Es hat zwar lange gedauert, aber wir haben sogar mehr Geld zurückbekommen, als wir zu Unrecht bezahlt haben).

Die Fahrt zu unserem Hotel dauerte keine 10 Minuten. Ein Hotel am Flughafen war zur Zeit des Stampede Festivals mit Abstand das Günstigste. Der Check-in im Acclaim Hotel lief reibungslos und unser Zimmer für die nächsten beiden Nächte war riesig. Auf dem Dach gab es einen Whirlpool und man konnte mit dem Bus in die Stadt fahren. Der Ärger über den Mietwagen war vergessen, als wir losgingen, um uns etwas zu Essen zu holen. Etwa 5 Minuten zu Fuß entfernt gab es einige Fast-Food Restaurants. Dort liefen wir hin. Resultat: Wir haben unseren ersten Donut bei Tim Hurton gegessen und ich hatte schon die ersten 100 Mückenstiche. Mein Kinn war richtig angeschwollen. Als ich dem kanadischen Fotografen das schrieb, antwortete er: „That`s your warm welcome to Canada.“




09.07.2022

Calgary

“I’m so proud to be Canadian. I’ve been to 58 countries, and they’re wonderful countries, but Canada is the best. –Paul Henderson



Ein wilder Hase direkt am Hotel


Wenn wir in den Westen fliegen, wachen wir am ersten Tag immer sehr früh auf. So auch dieses Mal. Um kurz vor 3 waren wir wach. Wir nutzten die Zeit zum Schreiben und Gepäck umpacken und machten uns schon morgens auf dem Weg in die Stadt: Heute wollten wir zum Rodeo gehen. Zufällig fand gerade Stampede statt. Das größte Rodeo und gleichzeitig der Nationalstolz und ein Spektakel mit Fahrgeschäften und verrücktem Essen. Als ich das gesehen hatte, war klar: Das war Pflichtprogramm. Ein super Einstieg in den Urlaub.

Wir gingen um 6:30 los, um uns bei Tim Hurton einen Kaffee zu holen. An der Rezeption wurden wir lächelnd mit einem „Good morning, great people. Have a wonderful day“ begrüßt. Wir liefen nur ein paar Minuten. Auf dem Weg entdeckten wir einen Wildhasen. Diesmal schienen die Mücken noch zu schlafen, denn wir kamen ganz ohne Mückenstich bei der Bushaltestelle an, von der aus wir in die Stadt und zum Stampede Park fuhren.

Ab 8:30 sollte das Frühprogramm beginnen. Dann die Überraschung: Als wir am Park ankamen, sagte man uns, der Park öffnet erst um 11:00. Das Programm vorher fand in Downtown Calgary statt. Also wieder zurück mit der Bahn.

Wir fanden schnell den Ort des Geschehens. Auf einer Bühne baute eine Band auf und im Park waren Wagen und kleine Zelte aufgebaut. Die Schlangen vor den Wagen waren unglaublich lang. Bald fanden wir heraus, warum: Dort bekam man Pancakes mit Bacon. Umsonst. Wir stellten uns auch an, um das Frühstück zu probieren. Während wie anstanden unterhielten wir uns mit einigen Volunteers. Auf dem Stampede Fest zu arbeiten ist für sie eine große Ehre. Es gibt sogar eine Warteliste für die freiwilligen, unbezahlten Mitarbeiter. Immer wieder hörten wir, wie besonders diese 10 Tage für alle vor Ort sind.

Nachdem wir unseren Pancake begleitet von einer Country-Band gegessen hatten, bekamen wir noch ein kostenloses Eis und liefen etwas durch die Innenstadt. Wir wollten zum Calgary Tower kommen, um von dort aus an der Parade zum Fest teilzunehmen. Wir hatten von einem Volunteer im Vorfeld ein Ticket für die Pferdewagen bekommen, sodass wir mitfahren durften. Bevor wir einsteigen konnten, präsentierten sich die Ureinwohner und eine Sängerin sorgte für ausgelassene Stimmung. Während der Parade erfuhren wir viel über Stampede und Calgary. Außerdem lernten wir die wichtigsten Wörter des Tages: Yahooo und Yihaaa. Wir hatten eine Menge Spaß und konnten langsam verstehen, warum die Locals so stolz auf diesen Brauch waren.



Danach ging es dann doch zum offiziellen Stampede Park. Es sah sehr voll aus, aber wir kamen schnell rein und hatten schon nach wenigen Minuten 30cm lange Pommes mit Knoblauchsauce und eine mit Ananassaft gefüllte Ananas in den Händen. Wir schlenderten eine Weile über den Jahrmarkt und überlegten uns, was wir später noch essen wollten. Es gab so viele verrückte Speisen, dass man gar nicht alles probieren konnte. Aber wir hatten uns fest vorgenommen, möglichst viele verschiedene Sachen zu probieren. Deshalb teilten wir auch immer alles. Vor unserem Rodeo gab es noch einen mit Chili umhüllten frittierten Maiskolben und etwas zu trinken.

Dann machten wir uns schon auf den Weg zum Stadion. Wir hatten im Vorfeld ideale Plätze direkt an der Arena gebucht, wodurch wir in einen abgesperrten Bereich kamen, wo vor allem alt eingesessene Cowboys und Angehörige der Teilnehmer waren. Wir hatten eine Menge Spaß daran, die Leute zu beobachten.

Unsere Sitzplätze waren nicht überdacht, wir saßen in der knallenden Sonne. Und das ganze 3 Stunden. Spoiler: Wir hatten beide einen üblen Sonnenbrand.

Die Stimmung bei den Wettkämpfen war toll. Von Rodeo auf Pferden, über eine Kinderdisziplin, Fässerreiten, Kälber fangen bis zu Bullenreiten war alles dabei. Wir verstanden nicht, wie die Punkte vergeben wurden, doch es war beeindruckend anzusehen. Zwischendrin wurde erklärt und auf einem Monitor gezeigt, wie die Tiere außerhalb des Stampede leben: Auf einer 23.000 Hektar großen Ranch in Freiheit und als Wildpferde. Das beruhigte mich tatsächlich ein bisschen.

Nach dem Rodeo liefen wir noch eine Weile über das Fest. Wir aßen Eis mit Mac and Cheese Geschmack, frittierte Reeses und „Elefantenohren“ (riesige Teigtaschen), Außerdem tranken wir die leckerste Limonade, die ich je getrunken habe. Wir waren beide einfach nur glücklich, aber auch fertig. Langsam merkten wir den Jetlag und die Sonne. Wir beschlossen, uns noch das Ureinwohnerdorf am Rande des Festes und die Agrarwirtschaftshalle anzusehen. Die Halle war ja immerhin mal nicht in der Sonne. Bevor wir gingen, liefen wir noch durch die Shoppinghalle, wo viele verschiedene Produkte wie auf einer Messe präsentiert und verkauft wurden. Wir sahen tolle Kunst, Haushaltsgeräte, Whirlpools und tolle Massagestühle, die mir unglaubliche 5 Minuten bescherten.

Glücklich und müde fuhren wir dann wieder mit den Öffentlichen zurück zu unserem Hotel: Wir wollten noch auf die Roof top-Terrasse, von der aus man nicht nur einen tollen Ausblick auf die Skyline von Calgary, sondern auch noch zwei Whirlpools hatte. Wir genossen noch etwas die Entspannung, gingen dann aber zu 22 Uhr schlafen. Überwältigt von diesem ersten Urlaubstag fiel ich sehr schnell in einen tiefen, ruhigen Schlaf.


10.07.2022

Calgary – Edmonton – Elk Island National Park

„Stand your ground and be strong like a bison“ - unknown



Der zweite Urlaubstag begann für uns um 5:30. Ich ging zunächst raus, um nach dem Hasen zu suchen, den wir am Vortag gesehen hatten. Vielleicht konnte ich ihn ja noch fotografieren. Und tatsächlich hatte ich Glück und fand ihn nach 15 Minuten. Ich setzte mich hin, um ihn nicht aufzuschrecken und fotografierte. Super Motiv, tolle Fotos, aber auch massenhaft Mückenstiche in kurzer Zeit.

Danach machten wir uns fertig, frühstückten und fuhren los. Auf dem Weg zum Elk-Island-Nationalpark hielten wir noch an einem Supermarkt. Natürlich sind die auch sonntags geöffnet, nicht wie bei uns. Das Wichtigste: Mückenspray. Da unser Mückenspray nicht zu wirken schien, musste etwas Anderes her. Wir brauchten gute 3 ½ Stunden, bis wir schließlich in den Nationalpark fuhren. Als erstes hielten wir beim Beach. Dort ist der zentrale Punkt für Familien, für Ruderer und für Camper. Wir wollten von dort aus zu unserer ersten Wanderung aufbrechen: Den Amisk Wuche Trail. Wir liefen also in die Richtung, in der wir den Trailhead vermuteten. Und liefen ins Nichts. Wir suchten den richtigen Weg eine Weile und fanden schließlich eine Mitarbeiterin des Campingplatzes, die gerade einen Picknickplatz reinigte. Sie konnte uns nicht beschreiben, wo wir langlaufen mussten. Also verließ sie kurzerhand ihren Arbeitsplatz, um uns den Weg zu zeigen.

Endlich konnten wir also mit der ersten kurzen Wanderung starten. Dort sollten laut Plan besonders viele verschiedene Vogelarten und Biber zu sehen sein. Doch Fehlanzeige. Wir liefen etwa 1 Stunde durch den Wald und an Seen vorbei. Außer 3 Biberbauten, einigen Libellen und unzähligen Moskitos war nichts zu entdecken. Das Insektenspray hat übrigens nicht einmal komplett für diese Strecke geholfen. Bald bin ich ein einziger, wandernder Mückenstich.



Nach der Wanderung wollten wir Rast machen und eine Kleinigkeit essen. Online stand etwas von wechselnden Restaurants. Die Wahrheit: Foodtrucks. Als wir dort ankamen gab es genau zwei: Ein Eiswagen und ein Getränkewagen. Super! Mike kaufte sich einen Eistee und ich einen Frozen Latte. Wir setzen uns ins Auto, holten unsere Einkäufe raus und aßen im Auto.

Danach fuhren wir zum Beaver Pond Trailhead. Auf dieser Wanderung, die offiziell 2 Stunden geht, sollten die Chancen für Biber, Bisons und Elche groß sein. Wir liefen also los und tatsächlich wirkte dieser Trail viel belebter. Überall sah und hörte man Vögel, aber auch unsere besten Feinde, die Mücken, waren wieder reichlich vorhanden. Der Wanderweg war sehr schön und uns war schnell klar, an welchen Orten man Bisons sehen könnte. Glück hatten wir aber nicht. Nach etwa 1 Stunde waren wir wieder am Auto.

Inzwischen war es 18 Uhr und die Chancen auf Bisons am Wegesrand stieg. Wir wollten in Richtung Bison Loop Road fahren. Doch dann passierte es: Ich sah 1 Bison vom Auto aus. Auf einer Wiese hinter Bäumen sah ich eine Bewegung und einen großen Schatten. Wir blieben stehen und beobachteten den Bison kurz. Weiter hinten konnten wir noch einen sehen. Doch sie waren sehr weit weg, wodurch wir relativ schnell entschieden, weiterzufahren. Kurz danach war ein Parkplatz für einen Wanderweg. Von dieser Wanderung hatte ich in der Vorbereitung auch schon gelesen. Der Hayburger Trail. 4 Stunden sollte sie dauern und Chancen auf Bären, Elche und Bisons haben. Obwohl wir zu Beginn des Urlaubs unsere Kräfte etwas rationieren wollten, liefen wir los. Wir wollten nicht den kompletten Weg gehen, sondern nach einer Weile umkehren.

Während der Wanderung sahen wir viele Spuren von Bisons. Auch Kot von Bisons und Bären. Und ja, ich weiß, wie das aussieht. Mike war schockiert, ich nenne das Vorbereitung. Wir liefen 2 ½ Km in die eine Richtung, konnten aber leider nichts sehen. Also außer Mücken natürlich, das versteht sich ja von selbst. Wir kehrten um und liefen zurück zum Auto.

Schon etwas entmutigt fuhren wir zum Bison Loop. Nichts zu sehen. Nochmal die Straße Richtung Norden. Nichts zu sehen. Noch einmal den Bison Loop. Wieder nichts. Langsam musste ich einsehen, dass es wohl nicht sein sollte.

Es war inzwischen 19.30 und wir mussten noch zum Hotel und etwas essen. Also fuhren wir schweren Herzens aus dem Park heraus und in Richtung Stadt zurück.


Der erste Bison

Doch wir waren noch keine 5 Minuten gefahren, da sah ich am Straßenrand Bisons stehen. Warum sie fast direkt an der Autobahn standen und nicht in dem schönen, ruhigen Park waren, wussten wir nicht. Das war aber auch egal. Denn es gab tatsächlich eine Möglichkeit, sicher stehenzubleiben und die Bisons zu beobachten. Wir haben etwa 20 Minuten dort verbracht und ich habe natürlich viel fotografiert. Die Bisons kamen immer näher. Die meisten Tiere waren mit grasen beschäftigt, nur einer beobachtete mich fast durchgehend. Ich habe aufmerksam auf Zeichen von Stress bei dem Bison geachtet und mich möglichst wenig bewegt. So konnte ich tolle Nahaufnahmen machen.

Wir fuhren zum Hotel und checkten ein. Die Überraschung: Unsere Tür ging nicht auf. Es war, als wäre sie von innen verriegelt. Selbst der Mitarbeiter war eine Weile ratlos, konnte das Problem schließlich aber lösen.

Als Abschluss gingen wir noch in das kleine Restaurant direkt neben dem Hotel. Es sah nicht gerade einladend aus, doch wir wollten nicht mehr weiterfahren. Im Endeffekt eine tolle Entscheidung: Ich habe eine Gemüsepfanne mit viel Käse gegessen und Mike hat Hähnchen mit Reis bekommen. Es war sehr lecker. Wieder im Hotel angekommen fielen wir schnell in einen tiefen Schlaf.




11.07.2022

Edmonton – Jasper

Going to the lake. Bear with me.” – unknown


Wir wachten viel früher als geplant auf. Gut für uns, denn ich checkte den Wetterbericht für Jasper für die kommenden Tage. Heute und Morgen noch gut, am 13. sollte es aber regnen und gewittern. Ganz blöd, denn ausgerechnet an dem Tag wollten wir mit der Jasper Sky Tram fahren und die Aussicht genießen. Wir beschlossen kurzerhand, einfach früher loszufahren und das auf heute vorzuziehen.

Wir frühstückten im Hotel, da es inklusive war. Es war überraschend gut. Dann ging es zu Walmart. Ein anderes Mückenspray und Frühstücksutensilien für die kommenden Tage kaufen. Schon um 8:30 fuhren wir dann los in Richtung Jasper Nationalpark.

Als wir mittags im Nationalpark ankamen, wurden wir von schönstem Wetter und der ersten Sensation unserer Reise begrüßt: Wir waren noch keine 5 Minuten im Nationalpark, da sahen wir ein Auto der Ranger am Rand stehen. Wir hielten auf dem Seitenstreifen vor dem Auto an und sahen schon unseren ersten Bären. Auf der anderen Straßenseite lief er gemütlich am Straßenrand. Ein Grizzly, wie ich später erfahren sollte. Wir waren aufgeregt, hin und weg. Wir hatten zwar auf einen Bären gehofft, aber richtig damit gerechnet hatten wir nicht. Wir beobachteten und fotografierten eine Weile, bis die Ranger den Bären schließlich verjagten. Wahrscheinlich wollten sie nicht, dass die Bären sich so nah an der Straße aufhielten. Als wir weiterfuhren, realisierte ich erst, was wir gerade erlebt hatten. Und weinte vor Freude.



Gerade als ich mich wieder beruhigt hatte, standen viele Autos auf beiden Straßenseiten auf dem Standstreifen. Einige Menschen waren ausgestiegen und blickten neben der Fahrbahn den Hügel hinunter. Natürlich blieben auch wir stehen, stiegen aus und sahen in einiger Entfernung einen weiteren Grizzly, der unten gemütlich durch die Büsche streifte. Wir beobachteten ihn eine Weile und unterhielten uns mit den anderen Leuten. Ein Paar erzählte uns, dass sie jedes Jahr mehrmals nach Jasper fahren, einfach nur um durchzufahren und nach Tieren Ausschau zu halten. Sie gaben uns noch ein paar Tipps, was wir unbedingt machen sollten, doch das stand natürlich schon längst auf meiner Liste.



Wir fuhren zur Skytram und kauften dort teure Tickets. Wie lange wir oben bleiben sollten, mussten wir direkt beim Ticketkauf angeben. Wir nahmen 1 Stunde, doch das hat eigentlich nicht gereicht: Für den kurzen Wanderweg oben sollte man schon 2 Stunden einplanen. Es geht steil bergauf und man möchte ja auch die Aussicht genießen. Aber gut, wir nahmen 1 Stunde und fuhren wenig später hoch. Eigentlich hätten wir noch etwas auf unsere Bahn warten müssen (die sind durchnummeriert), aber wir haben vorne lieb gefragt und haben so die Plätze bekommen, die nicht gefüllt waren. Oben genossen wir einen tollen Ausblick, den wir uns mit zahlreichen Streifenhörnchen teilen durften. Wir wanderten etwa die Hälfte des Wanderweges, machten viele Bilder und genossen die Aussicht. Mike hatte am Anfang Schwierigkeiten mit der Luft: Auf über 2300 Meter wird sie dann schon etwas dünn. Ich zeigte ihm von oben schon die Seen, die wir uns ansehen würden. Also zumindest diejenigen, die ich zweifelsfrei erkennen konnte. Es war ein wirklich schönes, aber auch teures Erlebnis.


Aussicht über Jasper

Als wir wieder unten waren, fuhren wir zu unserer Unterkunft für die nächsten Nächte: Das Jasper Downtown Hostel. Wir hatten uns für ein Zimmer zur Alleinnutzung und mit Badezimmer entschieden. Es gab keinen direkten Parkplatz, aber man konnte nicht weit vom Hostel entfernt kostenfrei an der Straße parken. Wir checkten ein und fanden ein sehr liebevoll eingerichtetes Zimmer vor.

Vor unserem nächsten Abenteuer des Tages wollten wir noch schnell etwas essen. Wobei die Betonung auf schnell lag. Wir hatten nämlich keine Zeit für ein richtiges Restaurant. Also landeten wir bei KFC, wo uns ein Australier darüber aufklärte, dass die Qualität in Kanada viel schlechter als die in Australien sei. In Australien sei KFC eines der besten Adressen für Fastfood. Wir konnten keinen Unterschied zu Deutschland feststellen und waren einfach nur froh, wieder pünktlich beim Hotel anzukommen. Um 17:15 sollten wir dort warten. Wir hatten eine Tierbeobachtungstour gebucht, die uns wärmstens empfohlen worden war. Es wurde 17:20, niemand kam. Mike war schon nervös. Um 17:30 kam dann ein kleiner Bus mit riesigen Fenstern in Sicht, der uns einsammelte. Ich hatte gehofft, dass die Tour nicht aus einem normalen Bus, sondern wenigstens wie auf Safari mit einem Auto stattfindet, wo man die Fenster öffnen konnte. Aber das war nicht der Fall. Ich müsste also durch die Scheibe fotografieren. Wir sammelten noch weitere Gäste ein und begannen bald mit der Tour. Der Guide erzählte uns viel über die Natur und die Tierwelt Jaspers. Durch den ungewöhnlich kalten Frühling waren die Tiere noch nicht an den Orten, an denen man sie normalerweise im Juli finden konnte. Die Bären, vor allem die Schwarzbären, wanderten mit der Blüte eines besonderen Busches, der durch die Kälte in den Bergen noch nicht blühte. Er erklärte uns auch, dass die Grizzlys in Jasper nie so groß werden, wie in Alaska. Der Grund dafür war, dass sie sich meist vegetarisch ernährten und nur selten keine Tiere aßen. Die Natur in Jasper gibt ihnen alles, was sie zum Überleben brauchen.

Wir hielten an einem Adlernest. Ein brauner Adler saß in dem Nest und beobachtete aufmerksam die Umgebung. Das war sicher sein Backup, falls man sonst nichts sehen sollte. Wir fuhren weiter. Richtung Medicine Lake. Dort wollte ich am Folgetag auch hin. Nach einer Weile rief ein anderer Mitfahrer „Bär“. Wir hielten an

und tatsächlich: Auf der linken Seite lief ein kleiner, schwarzer Bär entlang. Er war wirklich sehr klein, sah eher aus wie ein Kuscheltier. Wir beobachten ihn, bis er im Gebüsch verschwand. Nicht lange und wir sollten den nächsten Schwarzbären sehen. Diesmal ein sehr großes Exemplar. Leider stellten wir uns nie so hin, dass ich eine freie Sicht hatte, aber dennoch freute ich mich, das Tier zu beobachten. Unsere Anwesenheit schien allen Bären hingegen reichlich egal zu sein.

Wir fuhren weiter und hielten an einem Parkplatz, an dem wir endlich auch aussteigen durften. Von dort aus konnte man das Nest eines Weißkopfseeadlers sehr gut sehen. Die Babys saßen im Nest und die Mutter flog über uns herum. Das war schon ein sehr beeindruckender Anblick.

Wir fuhren weiter und hatten noch zweimal Glück: Einen Schwarzbären beobachteten wir sehr lange beim Essen der roten Bären. Er wirkte glücklich und zufrieden. Der andere Bär marschierte an der Straße entlang. Unser Guide war sich im Endeffekt nicht sicher, ob das alle unterschiedliche Bären waren. Er legte sich dann darauf fest, dass wir 3 verschiedene Bären gesehen und einen Bären zweimal gesehen hatten. Als wir die ersten Mitfahrer abgesetzt hatten, sahen wir noch ein paar Rehe zum Abschluss der Tour.

Wir legten uns im Hostel sofort hin, da wir um Mitternacht nochmal zum Sterne beobachten raus wollten. Es war leider von draußen so laut, dass ich kaum schlafen konnte. Wir fuhren zum Pyramid Lake, da das einer der dunkelsten Orte in Jasper ist. Leider ist das passiert, was ich im Vorfeld schon befürchtet hatte: Es war fast Vollmond und der Mond war so hell, dass man kaum Sterne sehen konnte. Ein paar Wolken standen auch noch am Himmel. Pech auf ganzer Linie. Ein Kanadier, der gerade dabei war, eine Timelaps zu machen, war auch enttäuscht. Immerhin hörten wir einen Wolf heulen, das war auf jeden Fall ein Erlebnis. Wir blieben nicht lange und fuhren schließlich zurück zum Hostel. Lange sollten wir nicht schlafen.


12.07.2022

Jasper

“I believe the world needs more Canada.” –Bono



Um kurz nach 4 fuhren wir los zum Maligne Lake. Ich wollte dort gerne den Sonnenaufgang sehen. Dort angekommen machte ich einige Fotos, aber besonders beeindruckend war der Sonnenaufgang leider nicht. Wir fuhren weiter zum Maligne Canyon, um dort eine Wanderung entlang des Canyons zu machen. Laut Internet ein Highlight. Und das war es tatsächlich. Wir waren am Anfang komplett alleine, liefen zu den verschiedenen Brücken und genossen die unglaubliche Kraft des Wassers. Entlang der Schlucht gab es Unmengen an reißenden

Strömungen und Wasserfällen. Beeindruckend. Wir wanderten knapp 3 Stunden hin und zurück. Auf dem Rückweg begegneten wir dann einigen anderen Wanderern.

Danach waren wir so müde, dass wir erstmal ins Hostel fuhren, um Mittagschlaf zu machen. Gute 2 Stunden schliefen wir, bevor wir uns fertig machten und durch Jasper schlenderten. Wir suchten uns ein Restaurant aus und aßen gemütlich. Am späten Nachmittag setzten wir uns ins Auto und fuhren die Straßen Jaspers auf der Suche nach Wildlife ab. Wir hatten bei den Bären leider kein Glück mehr, aber auf dem Weg Richtung Medicine Lake konnten wir einen ausgewachsenen Hirsch sehen. Wir hielten an und beobachteten ihn eine Weile. Als es immer mehr Autos wurden, fuhren wir zunächst weiter. Doch auf dem Rückweg war der Hirsch immernoch da und wir konnten ihn gemütlich beobachten und fotografieren. Ein tolles Erlebnis.

Abends tranken wir noch etwas im Pub. Mike probierte das (wie zu erwarten) schlechte kanadische Bier und ich trank einen viel zu süßen Cocktail. Dazu aßen wir Pommes und Zwiebelringe.

Wir gingen noch vor 10 schlafen und freuten uns auf den nächsten Tag.


13.07.2022

Jasper – Sunwapta Falls

“A little tranquil lake is more significant to my life than any big city in the world.” –Munia Khan


Fifth Lake

Ich erwachte mit Halsschmerzen und einem Unwohlsein. Na super, ich habe mich wahrscheinlich erkältet. Diese blöde Klimaanlagenluft. Das Gleiche Problem hatte ich auch in den USA. Na gut, Nörgeln hilft nicht. Also ab, auschecken und zu der Wanderung, auf die ich mich schon bei der Planung sehr gefreut habe: Valley of the five lakes.

Wir erreichten den leeren Parkplatz um etwa 8 Uhr morgens und genossen die Ruhe. Der Beginn der

Traumhafter Ausblick

Wanderung war alles andere als schön. Sumpfige Landschaft und immer wieder bergauf und wieder bergab. Nach etwa 20 Minuten aber erreichten wir den fifth lake. Atemberaubend schön und vor allem verlassen lag er vor uns. Wir machten Fotos und beobachteten eine Weile die Enten, die man sogar tauchen sehen konnte, so klar war der See. Auch der vierte See gefiel uns sehr gut, aber richtig umwerfend war der dritte See, den wir nach einer Weile erreichten. Jeder See hatte einen anderen blau-grün-Ton. Ich wollte gerade ein schönes Foto von der Spiegelung machen, da fing es an zu regnen. Na super. Spiegelung pfutsch. Wir beschlossen, im Schutz der Bäume zu frühstücken. Danach beobachteten und fotografierten wir noch ein paar Streifenhörnchen. Schließlich hatte ich Glück: Der Regen hörte auf und ich bekam doch noch mein Foto.


Wenig später begegneten uns die ersten anderen Menschen, doch da hatten wir die Highlights schon für uns gehabt. Wir genossen noch die anderen Seen und beendeten so nach knapp 4 Stunden eine sehr gemütliche, morgendliche Wanderung.

Danach fuhren wir weiter zu den Athabasca Falls. Schon der Parkplatz war sehr voll, was mir schonmal gar nicht gefiel. Und tatsächlich: Die Wasserfälle sind nicht weit vom Parkplatz entfernt und es war unglaublich voll. An den Aussichtspunkten drängten sich die Menschen und zum ersten Mal empfand ich Kanada als zu touristisch. Die umwerfende Natur geriet in den Hintergrund und die Menschen drängten sich in den Vordergrund. Wir guckten nur kurz und liefen dann die Wege zu Schlucht und zum Pothole lang, wo nur wenige Touristen sich hin verirrten. Natürlich konnte man dort auch nicht die Wasserfälle sehen. Dabei sind die Athabasca Falls wirklich sehenswert: Mit unbändiger Kraft und vor einer tollen Bergkulisse stürzen sich Wassermassen hinunter. Ich würde beim nächsten Mal entweder früh morgens oder spät abends hinfahren, um den Menschenmassen zu entgehen.

Wir fuhren weiter den Icefields Parkway entlang. Eine Straße, die als eine der schönsten Straßen der Welt bekannt ist. Und wir konnten nachvollziehen, warum: Die Umgebung war umwerfend. Wir waren umgeben von den Rocky Mountains. Atemberaubend.

Um 13.30 kamen wir schon an unserer Unterkunft an: Der Sunwapta Falls Rocky Mountain Lodge. Viel zu früh, denn Check In begann erst um 16 Uhr. Also liefen wir zunächst zu den Sunwapta Falls. Schon wieder Wasserfälle. Diesmal aber nicht so überlaufen, obwohl sie nicht weniger beeindruckend waren, als die Athabasca Falls. Der Unterschied: Nur die Upper Falls waren direkt am Parkplatz. Zu den Lower Falls musste man eine Weile laufen. Nicht viele nahmen den Weg auf sich: Es ging bergab, aber man wusste auch, dass man den ganzen Weg wieder bergauf zurück musste. Doch jeder Schritt hat sich gelohnt. Wir genossen die Lower Falls für eine Weile, setzten uns sogar auf eine Bank, die in Gedenken an einen jungen Mann aufgestellt wurde, der 1993 im Alter von 20 Jahren in den Fluten der Sunwapta Falls starb. Wir genossen die Aussicht und lauschten den Geräuschen des tosenden Wassers.

Als wir zurück kamen mussten wir uns die Zeit trotzdem noch vertreiben. Wir guckten eine Folge einer Abenteuerserie, die ich mir heruntergeladen hatte und checkten dann um Punkt 16 Uhr ein. Unser Zimmer war mit Kaffeemaschine und eine Terrasse mit Ausblick auf die Berge ausgestattet. Wir genossen den Ausblick und gingen dann früh im Restaurant essen. Hier aß ich den ersten richtigen Burger der Reise: Ein Bison Burger. Es hat sehr gut geschmeckt, allerdings musste ich bewusst die Gedanken an die Bisons unterdrücken, die wir erst vor ein paar Tagen gesehen hatten.


Lakes everywhere


14.07.2022

Sunwapta Falls – Banff National Park

These mountains are a whole different thing in themselves. Every minute it’s a different place.” –Dan Hudson


Am nächsten Tag wachte ich sehr früh auf. Ich machte mir Kaffee und setzte mich damit und mit einem Buch auf die Terrasse. Ein himmlischer, sehr ruhiger Morgen. Nach dem Frühstück, das ausnahmsweise inklusive war, fuhren wir in Richtung Columbia Icefield. Da unsere Tour auf 11.45 verschoben worden war, hatten wir noch sehr viel Zeit übrig. Wir entschieden uns, ein paar Kilometer an dem Icefield vorbeizufahren und eine Wanderung zu machen, die im Zuge des Icefield Parkways empfohlen wurde: Parkers Ridge. Am Parkplatz standen zahlreiche Warnungen. Man sollte sich genau überlegen, ob man dafür fit und schwindelfrei genug ist. Wir ignorierten die Warnung. Eine Familie, die gleichzeitig angekommen war, tat das nicht und fuhr weiter. Nach einigen Minuten keuchten wir schon ganz schön, es ging steil bergauf. Die Zeit hatten wir dabei die ganze Zeit im Blick: Wir hatten nur 2 Stunden Zeit und mussten notfalls früher umkehren.

Beim Bergauf laufen merkte ich meine Halsschmerzen. Es brannte richtig und ich merkte, wie schwer es mir fiel. Aber ich wollte mir diese einmaligen Erlebnisse nicht von einer blöden Erkältung kaputt machen lassen. Also biss ich die Zähne zusammen und wir wanderten weiter bergauf.

Es dauerte nicht lange, bis wir den Teil des Berges erreichten, der nicht mehr von Bäumen bewachsen war. Die Aussicht war schon jetzt umwerfend, doch wir wollten wissen, was uns oben erwartete. Aus diesem Grund behielten wir ein zügiges Tempo bei, obwohl wir beide außer Atem waren. Ab einer gewissen Höhe hatte Mike Schwierigkeiten mit der Luft. Wir waren schon auf über 2000 Meter und die Luft wurde langsam dünner. Er machte mehr und mehr Pausen, doch als er meinen begeisterten Sprint an der Spitze sah, war seine Motivation zurück.

Ich war zwar noch nicht am Ende des Wanderweges angekommen, doch der höchste Punkt auf fast 2400 Metern war erreicht. Der Ausblick auf die andere Seite war atemberaubend: Wir sahen mehrere Berge, einen großen Gletscher und einen Gletschersee. Einfach nur wunderschön. Wir genossen diesen Anblick eine Weile, gingen aber dennoch weiter. Wir wollten das Ende des Weges erreichen. Auf dem Bergkamm sahen wir einige Bergziegen, die genüsslich grasten. Langsam merkte ich, wieso die Warnung unten stand: Der Weg wurde immer schmaler und rechts ging es Steil und sehr tief bergab. Ich wurde unsicher und langsam. Meine Kamera packte ich ein, um meine Hände als Stütze nutze zu können. Langsam bekam ich immer mehr Angst. Mike war vor mir und signalisierte mir bald, dass er das Ende des Weges erreicht hatte. Er meinte, ich müsse nicht weitergehen und könnte auch umkehren. Doch ich wollte meine Angst überwinden und den finalen Ausblick sehen. Keine 10 Meter vom Ende entfernt passte mein Fuß nichtmal mehr auf den felsigen Weg. Nur nicht runter gucken, du schaffst das, sagte ich mir selbst immer wieder. Es half alles nichts. Ich begann vor Angst zu weinen. Schließlich schaffte ich es aber auf die Plattform am Ende des Weges. Den Ausblick konnte ich allerdings trotzdem nicht genießen, da ich wusste, dass ich wieder zurück musste. Noch ein weiteres Mal den schrecklichen Weg entlang. Als das geschafft war, war ich erleichtert und stolz auf mich. Ich war stolz, meine Angst überwunden zu haben.


Beautiful Rocky Mountains

Gemütlich und die Aussicht genießend wanderten wir zurück zu unserem Auto. Als wir unten ankamen waren wir genau 2 Stunden unterwegs gewesen. Mike und ich waren uns einig: Die beste spontane Wanderung, die man nur machen konnte. Auch wenn sie anstrengend und angsteinflößend war, würden wir diese Wanderung immer wieder auf uns nehmen. Beim nächsten Mal würden wir oben vielleicht sogar Picknicken.

Wir fuhren zu dem Parkplatz, von dem aus man uns zum Athabasca Glacier und danach zum Jasper Skywalk bringen würde. Natürlich war es touristisch, doch damit hatten wir gerechnet. Wir hatten noch kurz Zeit für einen Kaffee beim höchstgelegenen Starbucks Kanadas, bevor unsere Tour startete.

Mit dem Bus wurden wir zu einem anderen Parkplatz gefahren, wo wir in spezielle Eisfahrzeuge umsteigen sollten. Unser Busfahrer war gut gelaunt und machte die ganze Zeit schlechte Witze, die mich aber trotzdem schmunzeln ließen.

„Was ist ein Bär ohne Krallen?“ – „Ein Gummibär.“

„Was ist eine Kuh ohne Beine?“ – „Ein Steak.“

Am anderen Parkplatz stiegen wir um. Das Fahrzeug hatte Reifen, die schon so hoch waren, wie ich. Riesig. Wir setzten uns und rasten mit ganzen 3 km/h zum Gletscher. Währenddessen erzählte uns der Fahrer viel über den Gletscher und den Einfluss des Klimawandels. Auf dem Gletscher hatten wir 30 Minuten Zeit, doch die brauchten wir gar nicht. Spannend war es nicht. Wir gingen zur Kanada-Flagge und tranken Gletscherwasser. Sicher ist es schön, sagen zu können, man war auf einem Gletscher. Vor allem weil es diesen Gletscher in einigen Jahren gar nicht mehr geben wird. Doch sonst hat es uns nicht so sehr gefallen. Wir fuhren weiter und wurden bei dem Skywalk rausgelassen, wo wir so lange bleiben durften, wie wir wollten. Mir war der durchsichtige Boden nicht geheuer, doch ich lief trotzdem zweimal über den Skywalk. Die Aussicht war nicht schlecht, doch nicht vergleichbar mit der, die wir auf unserer morgendlichen Wanderung genossen hatten.

Wir blieben also nicht lange und ließen uns schon bald wieder zum Parkplatz fahren. Von dort aus starteten wir unsere Fahrt zum Lake Louise. Fast direkt am See lag unsere Unterkunft für vier Nächte: Die Deer Lodge.

Doch der Weg dahin war schon ein unglaubliches Erlebnis. Tolle Aussichten und wunderschöne Seen. An einem See, dem Waterfowl Lake, hielten wir sogar nochmal an, weil er so wunderschön war. Ich machte einige Fotos und beschloss schnell, in dem See baden zu gehen. Das Wasser war hell türkis und die Berge spiegelten sich auf der glatten Oberfläche. Nur sehr wenige Leute wagten es, auch nur mit den Beinen reinzugehen, denn das Wasser war eiskalt. Ich hatte mir im Vorfeld aber vorgenommen, in einem dieser unwirklich gefärbten Seen zu baden. Also zog ich mich um und ging ins Wasser. Ich machte zwei Schwimmzüge, bevor mir das Atmen vor Kälte schwerfiel und ich wieder an Land musste. Auch Mike versuchte, ins Wasser zu gehen, doch traute er sich nicht weiter, als bis zur Hüfte. Haha. Ich tauchte sogar noch einmal und ging insgesamt 4 Mal ins Wasser. Mike traute sich auch beim 2. Und 3. Versuch nicht.


Waterfowl Lake

Wieder umgezogen und von der Sonne aufgewärmt fuhren wir weiter und kamen bald am Parkplatz des Peyto Lake an. Den berühmten Ausblick von oben auf den See wollten wir nicht verpassen, also wanderten wir noch einmal an diesem Tag bergauf. Diesmal zum Glück nicht so steil und auch nicht lange. Schon bald konnten wir den Blick auf den See genießen. Seine Farbe sah unwirklich aus, wie eingefärbt. An solch schöne Seen könnte man sich gewöhnen.

Wir mussten nicht mehr lange fahren und kamen schließlich um 17 Uhr in unserer Lodge an. Schon von außen war die Lodge etwas ganz Besonderes: Mitten im Wald stand dieses Hotel aus Holz mit einer Dachterrasse. Wir checkten ein und gingen bald essen. Bei den Preisen blieb uns das Essen fast im Halse stecken. Es war zwar sehr lecker und der Service war toll, aber knapp 150 Dollar für zwei Personen war schon happig. Danach wuschen wir unsere Wäsche und spielten im Raum nebenan Billiard und Kicker. Wir ließen den Abend im Whirlpool ausklingen und gingen früh schlafen. Also wir versuchten es zumindest. Die Erdhörnchen waren sehr laut und auch die Spülkästen sorgten für eine ordentliche Lautstärke. Ich brauchte Ohrstöpsel, um schließlich schlafen zu können.

Peyto Lake

15.07.2022

Banff National Park

“I guess the most beautiful sound in the Canadian Rockies is just silence.” –Eddie Hunter


Heute sollte der Wecker ganz besonders früh klingeln: Um 3:00 wollten wir aufstehen, da ich um 3:45 spätestens los wollte. Bei meiner Aussage, dass wir spätestens um 4:30 am Parkplatz sein müssten, da er sonst voll wäre, hat Mike mich nur komisch beäugt. Im Nachhinein hat er bestätigt, dass er mir nicht geglaubt hatte. Doch genau dafür war der Moraine Lake bekannt: Entweder du kommst sehr früh an oder du musst eine Tour buchen. Die Straße ist fast den ganzen Tag gesperrt, weil der Parkplatz voll ist. Um 4:05 kamen wir am Parkplatz an und was soll ich sagen? Wir standen nicht unbedingt weit vorne. Mehr als die Hälfte des Parkplatzes war bereits belegt. Mike staunte nicht schlecht.

Wir machten uns auf zum Rockpile Hike. Der Ort oben ist dafür bekannt, eine tolle Aussicht auf den

Night at Moraine Lake

Sonnenaufgang zu bieten. Im Dunkeln suchten wir uns einen guten Platz. Ich stellte das Stativ auf und bereitete alles vor. Natürlich sind immer wieder einige andere Menschen in mein Bild marschiert und haben sich trotz der Bitte, es nicht zu tun, dort hingesetzt. Mehrfach musste ich meinen Kamerawinkel anpassen. Am besten war ein Mann, der neben mir von zwei Anderen sogar noch Tipps für die Fotos bekommen hat, sich dann aber trotzdem direkt vor die Kamera der Frauen stellte. Die Eine sagte daraufhin lauf „Okay, I´ll just photoshop him out.“ Alle lachten und der Mann merkte, dass er im Weg war. Er baute eine Vorrichtung für sein Handy, das eine Timelapse machen sollte und verschwand weiter nach hinten. Wir saßen lange da, uns war im Endeffekt ganz schön kalt. Gar nicht gut für meine Erkältung. Aber es lohnte sich. Wir beobachteten, wie es erst heller wurde und schließlich die Sonne die Berge hinter dem See anstrahlte. Die Szene war durch die Spiegelung gleich noch schöner und wir blieben so lange, bis die Sonne fast das Wasser berührte.

Danach machten wir noch den kurzen Moraine Lake Shore Trail und genossen die verschiedenen Perspektiven auf den See. Wir liefen bis zum Ende, wo Wasserfälle im See enden. Einfach wunderschön. Es war 7:45 als wir schließlich am Parkplatz zurück waren. Wir überlegten, ob wir Mittagschlaf an der Lodge machen wollten, oder lieber gleich weiterfuhren. Wir entschieden uns für die zweite Option. Ich wollte noch zum Johnston Canyon und danach würden wir ein bisschen durch Banff streifen und dort Lunch essen. Für abends wollten wir uns etwas aus dem Supermarkt mitnehmen.

Am Johnston Canyon angekommen, frühstückten wir erstmal auf dem Parkplatz. Meine Erkältung war inzwischen so schlimm, dass mir das Sprechen sehr schwer fiel. Die Halsschmerzen merkte ich auch auf der Johnston Canyon Wanderung. Sobald ich etwas außer Atem war, tat es tierisch weh. So richtig genießen konnte ich die Stromschnellen und Wasserfälle am Canyon also nicht. Sehenswert sind sie aber auf jeden Fall.

Dennoch war ich einfach nur froh, nach 2 Stunden wieder am Auto zu sein und Richtung Banff zu fahren. Im Auto schlief ich sofort ein und erwachte erst kurz vor dem Parkplatz in Banff. Vom Parkplatz aus liefen wir nach Downtown, wo wir einige Souvenirläden und Süßigkeitenläden besuchten. Zwar kauften wir nichts außer Popcorn und eine Fleecejacke für Mike, aber dennoch war es sehr schön.

Bald suchten wir einen Laden fürs Mittagessen und mussten feststellen, dass das unglaublich schwierig war. Fastfood gab es außer Subway nicht und alle Restaurants waren komplett überfüllt.

Moraine Lake after sunrise

Wir suchten uns einen kleinen Laden aus, der ganz nett aussah und bekamen einen Summer zum Warten. Schon nach 10 Minuten hatten wir Glück: Wir standen noch am Laden und das Pärchen, das eigentlich einen Platz bekommen sollte, wollte ihn nicht, weil eine Person in der knallenden Sonne sitzen musste. Also konnten wir den Tisch ergattern. Mir macht es nichts aus, in der Sonne zu sitzen. Das Essen war lecker, auch wenn wir sehr lange darauf warten mussten.

Danach holten wir das Auto zum Tanken und um noch in den Supermarkt zu gehen. Ich freute mich innerlich schon darauf, wieder in der Lodge zu sein. Ich war vollkommen fertig. Was sich im Auto zeigte. Von der einstündigen Autofahrt schlief ich etwa 45 Minuten. Im Hotel angekommen ruhten wir uns noch kurz aus, bevor wir in den Whirlpool gingen. Dort trafen wir ein deutsches Pärchen und eine deutsche Familie. Wir unterhielten uns eine Weile über unsere Reise und tauschten Tipps aus. Mit dem Pärchen unterhielten wir uns noch länger über vergangene Reisen, da die Beiden schon sehr viel gereist sind.

Danach snackten wir noch etwas auf unserem Zimmer, bevor wir sehr früh ins Bett gingen. Mein Ziel: Mich gesund schlafen.


16.07.2022

Banff National Park

“When I’m in Canada, I feel this is what the world should be like.” –Jane Fonda


Ziel verfehlt. Ich wachte auf und zusätzlich zu den Halsschmerzen hatte ich nun eine verschnupfte Nase und Ohrenschmerzen. Super. Ich musste mich also dopen, um den Tag zu schaffen. Auf die Wanderung hatte ich mich schon im Vorfeld sehr gefreut. Ich hatte geplant, den Big Beehive zu besteigen. Dafür wandert man zuerst den Lake Agnes Trail hoch bis zum Lake Agnes Teahouse. Von dort aus läuft man den Big Beehive Trail weiter, bis man auf der Spitze des Berges einen Aussichtspunkt erreicht. Die Tour sollte am Lake Louise starten und enden und war innerhalb von 4 ½ Stunden zu schaffen. So die Theorie.

Nachdem ich Tee getrunken und Erkältungsmedikamente genommen hatte, gingen wir los und waren um 5:20 am Lake Louise, wo wir noch kurz innehielten und den Blick über den See schweifen ließen. Noch war es ruhig.

Das Bootshaus öffnete um 5:30, wodurch früh morgens und spät abends die einzigen Möglichkeiten sind, den See ohne Boote darauf zu betrachten. Um Punkt 5:30 fuhren die ersten Kanus los (wir haben später geguckt, eine halbe Stunde kostet 135 Dollar, wir können absolut nicht verstehen, wie man so viel dafür ausgeben kann).

Dann machten wir uns auf den Weg. Der Anfang war nicht schön, nur durch den Wald und ohne Ausblick. Das wusste ich aber im Vorfeld. Es war anstrengend. Um meinen Hals zu schonen, hatte ich ein Halstuch um und ein Tuch vor dem Gesicht. Es half, sorgte aber auch dafür, dass mir sehr schnell sehr warm wurde. Am Mirror Lake angekommen war ich erleichtert. Ab jetzt wurde man für den Aufstieg belohnt. Nicht mehr lange und wir

erreichten Lake Agnes und das berühmte Teahouse. Das Teahouse war natürlich noch geschlossen, aber dadurch war es auch noch leerer und wir konnten die Spiegelungen auf dem See genießen. Weiter ging es zum Big Beehive. Jetzt war auch der Weg abwechslungsreich und eine Attraktion für sich: Es ging über kleine Stromschnellen, wir kletterten Steine entlang und bald ging es steil bergauf. Immer mit Blick auf Lake Agnes. Der Weg war wieder sehr anstrengend und wir hielten immer wieder an, um etwas zu trinken und die Aussicht zu genießen. Der Weg nach oben kam mir sehr lange vor. Wir waren inzwischen 2 Stunden unterwegs und waren nur bergauf gelaufen. Doch all die Anstrengung war sofort vergessen, als wir die Spitze des Berges erreichten. Auf Steinen konnte man klettern und hatte so einen Rundumblick. Wir konnten sehen, wo wir gestartet sind. Der Ausblick auf die anderen Berge und die Seen war unglaublich schön. Wir setzen uns hin und frühstückten mit einer unglaublichen Aussicht.

Auf dem Weg nach oben hatte ich mehrfach Schilder für eine andere Wanderung gesehen: Plain oft he six Glaciers. Auch hörte ich andere Wanderer darüber sprechen. Also dachte ich mir, wieso eigentlich nicht? Der Wanderweg sollte auch schön sein und die anderen Wanderer erklärten mir auf Anfrage, dass das nicht weit weg sei und man so einen anderen Abstieg als Aufstieg hatte. Perfekt. Also beschlossen wir (oder vielleicht vielmehr ich, sorry Schatz), noch die zweite Wanderung ranzuhängen.


Lake Agnes

Ein Fehler. Sehr schnell merkten wir, dass die anderen Wanderer die Strecke unterschätzt hatten. Es ging erstmal 2 km abwärts, bis die Wanderung wieder dran stand. Natürlich mussten wir beim Berg nebenan wieder bergauf laufen. Die Strecke war zwar schön, mit vielen kleinen Wasserfällen, Strömen und Ausblick auf Gletscher und den Lake Louise, aber auch sehr anstrengend. Doch wir hielten durch und kamen schließlich am Plain oft he six Glacier Teahouse an. Wir setzten uns hin und taten, was uns auf dem Schild geraten wurde: Wir beglückwünschten uns selbst dafür, diesen Punkt erreicht zu haben. Mike trank Limonade und aß ein Stück Schokokuchen, während ich einen Tee und eine Limonade trank. Eigentlich wollte ich das vegetarische Chili essen, aber leider waren Pilze enthalten, die ich nicht vertrage. Wir füllten unsere leeren Wasserflaschen am Bach aus dem Gletscher und machten uns auf den Rückweg. Mehrfach konnten wir sehen, wie Lawinen von den Bergen abfielen. Nicht nur sehen, auch hören. Der Aufprall auf den Boden war jedes Mal sehr lat. Beim ersten Mal dachte ich kurz, es wären Schüsse. Ein beeindruckendes, aber auch trauriges Naturschauspiel. Um Gletscher zu bilden, muss Schnee 5 Jahre liegen ohne zu schmelzen. Der Schnee wird zusammengedrückt, wodurch dann Gletschereis entsteht. Dieses Naturphänomen klappt fast nirgendwo mehr. Im Gegenteil: Durch die Wärme schmelzen die Gletscher immer mehr. Der Gedanke daran, dass all diese wunderschönen Gletscherseen noch vor unserer Rente wohl keinen Gletscher mehr haben und somit verkommen werden, ist schmerzlich. An einem Ort wie diesem hier fällt das besonders auf. Zwar hatte Kanada einen besonders kalten Frühling dieses Jahr, doch das reicht sehr wahrscheinlich nicht aus, diese Entwicklung zu entschleunigen.

Mike und ich waren beide heilfroh, als wir endlich wieder unten waren und am Lake Louise entlangliefen. Nach genau 8 Stunden kamen wir vollkommen fertig wieder an der Lodge an. Die Wanderung war doch etwas länger und anstrengender geworden als gedacht. Auch meine Erkältung war nicht gerade hilfreich.

Also trafen wir eine Entscheidung: Der Wasserfall, der für den Nachmittag geplant war und die Wanderung am nächsten Tag strichen wir. Ich musste langsam auf mich aufpassen, um meine Stimme nicht ganz zu verlieren und den restlichen Urlaub genießen zu können.

Ich machte einen langen Mittagschlaf, wir gingen in den Whirlpool und aßen noch einmal in der Lodge. Der Abend war ruhig, ich trank viel Tee und ging früh ins Bett.


17.07.2022

Banff National Park – Yoho National Park – Banff National Park

„Choose what fills you up rather than letting yourself be filled up with things you don’t want. You are the memory maker. The room with a view. The best seat in the house. You get to decide.“ – Jennifer Pastiloff


Sonnenuntergang am Lake Louise

Als ich am nächsten Tag ohne Wecker erwachte, spürte ich sofort, dass der Ruhetag bitter nötig war. Wir frühstückten im Hotel. Die Preise fürs Frühstück waren deutlich angemessener. Teuer, ja, aber nicht frech. In Kanada war das Essen eh sehr teuer. Nach dem Frühstück ging ich in die Badewanne und legte mich noch einmal schlafen. Danach ging es mir schon etwas besser und wir fuhren los zum Yoho Nationalpark.

Zwar hatten wir die Wanderungen gestrichen, doch die beiden Highlights, die ohne Wanderung gingen, wollte ich mir trotzdem nicht entgehen lassen. Wir fuhren zur Natural Bridge. Ein Ort, an dem eine natürliche Brücke aus Steinen über reißende Stromschnellen eines Rivers führen. Ein sehr schönes Naturschauspiel, aber durch die Erkältung und die Menge an Menschen konnte ich es irgendwie nicht richtig genießen.

Wir fuhren weiter zum Emeald lake. Der Ort von dem aus auch unsere 2 Wanderungen heute gestartet wären. Schon das Parken war abenteuerlich. Vor uns musste ein Auto abgeschleppt werden, weil es zu weit an die Seite gefahren ist und nicht mehr hochkam. Tolle Aussichten. Aber auch wir parkten an der Seite, denn der Stau hieß wohl, dass der Parkplatz voll war. Wir liefen zum See. Er war wunderschön, doch ohne die Wanderungen war nicht viel zu tun. Wir liefen ein Stück auf das Gelände der Lodge und fanden einen sehr fotogenen Ausblick auf den See. Wir unterhielten uns mit einem anderen Reisenden aus Südamerika, guckten uns das Bootshaus an (mit 90 Dollar pro Stunde immernoch zu teuer, wenn auch nicht ganz so heftig wie am Lake Louise) und schlenderten ein bisschen am Ufer entlang.

Relativ schnell kehrten wir zum Auto zurück und fuhren nach Golden. Das lag zwar entgegen unseres Hotels, aber dort gab es Fastfood und nach den letzten teuren Tagen wollten wir heute mal etwas sparsamer essen. Also wurde es McDonalds. Nicht unser Traum, aber man kann es mal machen. Danach fuhren wir die Stunde zurück zu Lodge, wo wir uns noch etwas ausruhten, bevor wir spontan zum Sonnenuntergang zum Lake Louise gingen.

Ich hoffte auf beeindruckende Fotos. Ein anderer Fotograf war schon da, baute aber bald ab, weil er nicht an eine schöne abendliche Stimmung glaubte. Und ja, die blaue Stunde würde durch die Wolken nicht schön sein, doch ich hoffte auf vom Sonnenuntergang rot gefärbte Wolken.

Nicht lange und wir konnten in einiger Entfernung Donner hören. Eigentlich war für heute den ganzen Tag Regen und Gewitter angesagt, doch wir waren verschont geblieben. Und plötzlich geschah etwas Unwirkliches. Auf der linken Seite über dem Bootshaus zeigte sich ein Regenbogen.

Magischer Moment am Lake Louise

Er wurde immer stärker und verwandelte das Bootshaus in einen magischen Ort. Wunderschön. Auch die Wolken über den Bergen begannen langsam, sich rötlich zu verfärben. Jackpot. Ich freute mich und machte Fotos. Die Stimmung wurde immer umwerfender, doch plötzlich war das Unwetter über uns. Es schüttete und gewitterte. Alle verzogen sich. Nur ich stand mit meiner Kamera da und versuchte verzweifelt, die Linse trocken zu halten. Das Licht war einfach zu schön, um es nicht wenigstens zu versuchen. Viele Bilder sind natürlich von den Regentropfen ruiniert worden, doch ein paar schöne Fotos bekam ich trotzdem. Es hat sich also gelohnt.

Ich hatte übrigens dicke Sachen und eine Regenjacke an, weshalb mir das Wetter nichts ausmachte. Als die Rotfärbung und auch der Regen sich verzog, packten wir zusammen und gingen zurück ins Hotel. Eine letzte Nacht in der Deer Lodge.


Regen und Sonnenuntergang am Lake Louise

18.07.2022

Banff National Park – Glacier Nationalpark – Revelstoke

“Canada is one of the most impressive countries in the world.” –Barack Obama


Der ruhige Tag hatte gut getan. Als ich aufwachte, ging es mir schon viel besser. Mein Hals tat nur noch ein bisschen weh und meine Nase lief noch, aber insgesamt fühlte ich, dass die Erkältung nun am Abklingen war.

Wir checkten aus und fuhren in Richtung Glacier Nationalpark. Der letzte Tag in den Rocky Mountains war angebrochen.

Schon bei der Planung war deutlich geworden, dass der Glacier Nationalpark den Grizzlys gehörte. Überall las ich von geschlossenen Wanderwegen wegen Grizzlys und viele Trails durfte man sogar nur mit einer Genehmigung betreten. Das zeigte sich auch gleich, als wir für unsere erste Wanderung anhielten. Ich wollte mit der etwa einstündigen Bear Creek Wanderung starten. Am Trailhead standen dann viele Schilder: Man darf aktuell nur auf diesen Weg, wenn man mindestens zu viert ist. Zur eigenen Sicherheit. Da weit und breit niemand war, dem wir uns anschließen konnten, fuhren wir weiter. Ich hoffte sehr, dass die nächste Wanderung nicht auch gesperrt war, denn das sollte das Highlight des Tages werden.

Wir hatten Glück. Der Great Glacier Trail war offen. Am Trailhead gab es eine Übersicht darüber, an welchen Tagen, zu welcher Uhrzeit und wo ungefähr Grizzlys und andere Tiere gesichtet worden waren. Wir wurden dazu angehalten, Sichtungen zu melden und aufmerksam zu sein.


Glacier Nationalpark

Alleine wanderten wir los. Bergauf. Wie immer. Aber so ist es halt, wenn man in den Rocky Mountains wandern geht. Der Trail war wunderschön und abwechslungsreich. Mal lief man im tiefen Wald, dann am Fluss, auf Steinen über den Fluss und schließlich kletterte man schon fast auf Felsen, um das Ende des Weges zu erreichen. Oben wurde man belohnt mit einer unglaublichen Aussicht. Man saß mitten in den Rocky Mountains. Umgeben von Wasserfällen und Bergen. Eine Traumhafte Aussicht, die wir wohl nie im Leben vergessen werden.

Oben trafen wir ein Paar, das ungefähr in unserem Alter war. Sie war Kanadierin und er Deutsch. Er ist vor 9 Jahren ausgewandert, um mit seiner Frau zusammen zu sein. Sie haben 5 Jahre in Vancouver gelebt und sind dann nach Toronto gezogen. Den Trip in die Rockys mit Mietwagen und Zelt machten sie, weil sie in der Gegend auf eine Hochzeit eingeladen waren. Wir unterhielten uns über die hohen Lebensmittelpreise, was deren Grund fürs Zelten war. Jeden Abend machten sie sich Campernahrung mit Reis, um sich das leisten zu können.

Nach einer Weile wanderten Mike und ich wieder nach unten. Den gleichen, wunderschönen Weg zurück. Einen Grizzly haben wir übrigens nicht gesehen.



Die Wanderung war anstrengend, aber es war trotzdem noch früh. Also fuhren wir weiter zum Rockgarden Trail. Eine kurze Wanderung über Steinberge. Der Trail war offen und wir wanderten die halbe Stunde, bevor wir weiterfuhren. Am Parkplatz las ich einige Infoschilder, auf denen stand, dass die Wege regelmäßig zum Wohl der Bären gesperrt wurden. Nicht wie ich dachte aus Sorge um die Menschen. Nein, Ziel war es, die Bären ungestört in ihrem Gebiet leben zu lassen, sodass sie wild blieben und sich nicht an Menschen gewöhnten. Den Grund fand ich auf jeden Fall gut.

Der letzte geplante Trail, Hemlock Grove, war leider gesperrt. Also fuhren wir nach Revelstoke und waren früher als geplant an unserem Hotel. Ein günstiges, aber wirklich schönes Hotel. Das Days Inn. Die Kette kannten wir aus Amerika schon und waren schon damals sehr zufrieden.

Wir checkten ein, kauften neues Wasser, Obst und Süßigkeiten im Supermarkt und gingen in den Hoteleigenen Indoor Whirlpool. Entspannt gingen wir gegen 17 Uhr im Dannys essen. Das Dannys hatte uns schon in Edmonton gefallen. Ein Diner mit mehr Auswahl als nur Burger und Pommes. Ich aß sogar Hähnchen und Brokkoli. Nicht frittiert und zu einem fairen Preis.

Zurück im Hotel ließen wir den Abend gemütlich ausklingen und freuten uns auf erholsamen Schlaf.


19.07.2022

Revelstoke – Vancouver

„I love just how beautiful Vancouver is. I mean, everywhere you look it’s just mountains and ocean.”-Emma Bell


Wir schliefen noch einmal aus, was bedeutete, dass wir um kurz vor 7 wach waren. Wir frühstückten im Hotel. Das Frühstück war abwechslungsreich und sogar im Preis mit inbegriffen. Perfekt.

Meine Erkältung war fast weg, ich merkte kaum noch etwas. Dafür hatte Mike leichte Halsschmerzen. Na hoffentlich hatte es ihn nicht so stark erwischt, wie mich.

Der heutige Tag sollte vor allem aus einer langen Autofahrt bestehen. Wir verließen endgültig die Rocky Mountains und fuhren nach Vancouver. Ohne Stau etwa 6 ½ Stunden Fahrt.

Erdbeeren, Brot und Snacks waren dabei, als wir uns auf die Reise begaben.

Die Autofahrt war relativ ereignislos. Wir hielten zwischendurch bei Tim Hortons an, um Mike einen großen Kaffee und mir einen Cold Brew Roasted Hazelnut (die liebte ich) zu kaufen.

Ein Schockmoment war, als plötzlich hinter uns Blaulicht anging. Die Polizei wollte aber gar nicht uns, sondern den Truck vor uns anhalten. Nochmal Glück gehabt.

Zwischendurch durfte man sogar 120 km/h fahren. Ein Rekord! Während dieser Strecke wurden wir von einem Krankenwagen mit Blaulicht überholt. Es ging bergauf und wir mussten auf der weiteren Strecke sogar abbremsen, um den Krankenwagen nicht wieder einzuholen. Na hier wollte ich auch keinen Notfall haben.

Umso näher wir Vancouver kamen, desto mehr Baustellen gab es und desto voller wurden die Straßen.

In Calgary hatte Mike beim Vorbeifahren einen Outdoor-Store gesehen, der für ihn sehr interessant aussah. Ich hatte nachgesehen und bei Vancouver auf unserer Strecke gab es tatsächlich eine weitere Filiale. Also stand schnell fest: Dort legten wir einen Zwischenstopp auf unserem Weg nach North Vancouver ein. Und es hat sich gelohnt: Schon von Außen war das Cabela‘s ein echter Hingucker: Es sah aus wie eine überdimensionale Berghütte. Drinnen waren dann überall liebevolle Dekorationen zu finden und man konnte alles kaufen, was das Outdoor-Herz höher schlagen lässt. Ganz ehrlich: Wenn wir nicht auf das Gewicht unseres Gepäcks hätten achten müssen, hätten wir viel mehr gekauft. Alles war günstiger als bei uns und man konnte auch sehr außergewöhnliche Kleidung und andere Utensilien kaufen. Ich kaufte mir eine dicke Kuscheldecke (mein ganz persönliches Souvenir: Ich benutze IMMER eine Decke) und Mike kaufte sich endlich die Grillzange, die er schon lange haben wollte, für die er aber zu geizig war. Hier war sie für den halben Preis zu haben. Jackpot.

Nach unserem „Outdoor-Abenteuer“ ging es weiter Richtung Vancouver. Wir kamen aus Süden und mussten ganz in den Norden. Natürlich standen wir im Stau. Doch bei der Einfahrt in die Stadt hatten wir Glück: Es gab links eine Spur für Fahrgemeinschaften, die nur befahren werden durfte, wenn mindestens zwei Personen im Auto saßen. Höhnisch lachend fuhren wir am Stau vorbei und kamen bald in unserer Unterkunft an.


Nach dem Einchecken gingen wir direkt raus. Es war Zeit, sich ein Restaurant zu suchen. Auf der Straße fühlten wir uns erstmal verloren. Nach all der Zeit in der Natur und in maximal Kleinstädten überforderte uns der Lärm, die vielen Autos und die Massen an Menschen. Wir fanden einen Weg zu „Nandos“. Ich freute mich sehr, da ich den Laden aus vielen englischen Büchern kannte und der Laden dort oft für erste Dates genutzt wurde. Schnell kam aber die Ernüchterung: Ich glaube, es handelt sich dabei um ein anderes Nandos. Aber egal. Das Essen schmeckte und war sogar mit genug Salat ausgestattet. Danach holten wir uns noch ein Eis und machten uns auf Richtung Meer. Wir fanden einen großen Park, den Ableside Park, der auf der einen Seite einen gepflegten Badestrand hatte, in der Mitte durch einen Steg aus Steinen mit einer Statue drauf geteilt wurde und auf der anderen Seite den Hundestrand und das Hundeauslaufgebiet hatte. Wir setzten uns eine Weile zu der Statue und genossen den Geruch und das Rauschen des Meeres. Den Pazifik bekommt man als Europäer ja nicht so häufig zu sehen. Wir beobachteten die Kayakfahrer und Stand-Up-Paddler und genossen einfach, angekommen zu sein. Durch das Hundeauslaufgebiet liefen wir schließlich zurück zum Hotel, kauften auf dem Weg noch Milch ein und gingen bald glücklich schlafen.


20.07.2022

Vancouver

“Canadian cities looked the way American cities did on television”. –William Gibson


Wir schliefen aus. Na wenigstens versuchten wir es. Ich war um Punkt 6 wach und las in meinem Buch, bis Mike um kurz nach 7 auch aufwachte. Ha! Ich wusste, ich hätte meine zwei Bücher nicht umsonst mitgenommen.

Nachdem wir gemütlich gefrühstückt und uns fertig gemacht hatten, fuhren wir zum Lynn Canyon Park. Ein Park in North Vancouver, der als besonders schön gilt und mit einer Suspension Bridge ausgestattet war. Zwar ist die Capilano Suspension Bridge größer, dafür aber auch teuer und sehr touristisch. Wir wollten es aber lieber ruhig und authentisch. Wir brauchten keine Touristenattraktion, wo man für viel Geld arme Adler auf den Arm gesetzt bekommt. Das sind einfach nicht wir.

Wir parkten auf einem komplett leeren Parkplatz und liefen in den Park hinein. Oder sollte ich besser Urwald sagen? Denn mit einem Park, wie wir ihn uns vorstellen, hatte das nichts zu tun. Vielleicht ein sehr gut bewachsener und saftig grüner Wald. Wir stiegen weit ab, um am Grund des Canyons an den Stromschnellen zu laufen. Ich hatte online einige Stellen gesehen, die ruhiger waren und in denen man schwimmen konnte, wenn man hart im Nehmen war. Die Wassertemperatur ließ nämlich laut der Erfahrungsberichte zu wünschen übrig.

Als wir schon fast den Park verließen, entdeckten wir eine sehr schöne Stelle am Fluss. Nicht ruhig genug zum Baden, aber wunderschön. Mit Steinen und einem Stamm weiter hinten, der die beiden Ufer miteinander verband. Auf einem Stein saß eine junge Frau mit ihrem kleinen Hund. Der Hund saß direkt hinter ihr. Ein unglaublich schönes Bild. Ich fotografierte sie aus verschiedenen Winkeln. Ohne ihr Wissen.

Als wir wieder gehen wollten, fragte ich sie, ob ich ihr die Fotos schicken sollte. Sie meinte, ich darf sie verwenden, aber sie braucht sie nicht. Auch okay. Also liefen wir zurück hoch, wir wollten ja noch eine Stelle zum Baden finden.

Wenig später hörte ich ein „Stop“ und sah die Frau, die ich fotografiert hatte. Sie war hinter uns hergerannt, um

nochmal mit mir zu sprechen. Sie war vollkommen außer Atem und sagte uns, sie wäre zunächst in die falsche Richtung gegangen. Sie entschuldigte sich und meinte, sie wäre in ihrer eigenen Welt gewesen. Natürlich möchte sie die Fotos haben, sie freut sich. Wir unterhielten uns ein bisschen. Sie hat 1 Jahr in der Nähe von München studiert, wäre inzwischen aber sehr unsicher, wenn es ums Deutsch sprechen geht. Sie schrieb mir ihre Mailadresse auf und bot mir an, uns noch einige Tipps für Vancouver zu schicken. Perfekt! Wir verabschiedeten uns lächelnd und Mike und ich gingen weiter. Wir konnten es gar nicht glauben, dass sie uns sogar hinterhergerannt war.

Schließlich fanden wir eine beruhigte Stelle im Fluss. Nicht einfach zu erreichen, weil man über Wurzeln hinunter klettern musste, aber es lohnte sich: Außer uns war noch ein anderes Pärchen auf die Idee gekommen, dort zu schwimmen. Sonst hatte die Bucht etwas Magisches. Man konnte die Twin Falls hören, die rechts von uns in die Bucht mündeten. Das Wasser war so klar, dass man jeden Stein am Boden sehen konnte. Unglaublich schön.

Wenige Sekunden später war ich auch schon im Wasser. Und oh mein Gott. Der Gletschersee war warm dagegen. Beim kurzen Untertauchen bekam ich sofort Kopfschmerzen. Nach wenigen Schwimmzügen fühlte sich der Körper an, als hätte man überall Stecknadeln. Mike ging nur mit den Beinen rein. Ich stürzte mich immer wieder rein und wollte unbedingt komplett allein sein. Also schwamm ich am Rand entlang um die Ecke. Dorthin, wo der Wasserfall ankam. Auch wenn es nicht weit war, war es kaum möglich, dorthin zu kommen. Und durch die Felsen überall war ich in dieser kleineren Bucht tatsächlich komplett allein. Nur ich, die Felsen, der Wasserfall und das klare Wasser. Wäre es etwas wärmer, hätte ich mich stundenlang dort aufhalten können. Es hatte etwas Magisches an sich.



Nach einer Weile schwamm ich zurück und zog mich dann bald wieder an. Etwas Leben sollte in meinen Körper zurück und dafür brauchte ich dringend Wärme. Ich war nicht böse über das bergauf-Laufen. Wir kreuzten die Suspension Bridge und mussten feststellen, dass wir alles richtig gemacht hatten: In der anderen Richtung des Parks trafen wir plötzlich auf immer mehr Menschen. Wir wussten auch, warum: Die großen Buchten zum Baden fand man alle in dieser Ecke des Parks. Schon bald sahen wir ein paar Menschen auf Felsen stehen. Was sie dort wollten? Klippenspringen.

Die mindestens 100 Warnschilder, die über die Gefahren aufklärten und auf denen genau stand, wie viele Menschen an den Orten beim Klippenspringen gestorben waren, waren wohl nicht furchteinflößend genug. Ich konnte gar nicht dabei zusehen, wie die Menschen von immer höheren Stellen ins Wasser sprangen.


Schnell entschieden wir, zum Auto zurückzukehren. Wir hatten den friedlichen Teil des Parks genossen und wollten uns nun weiter treiben lassen. Denn der Tag heute sollte vor allem eins werden: Entspannt.

Es war schon 13 Uhr, als wir vom Hotel aus losliefen. Wir liefen noch weiter nach Norden und bestaunten die verschiedenen Wohngebiete und Sportvereine. Unvermeidlich landeten wir wieder an der Küste. Wir liefen an großes Stück an der Küste entlang und fanden schließlich einen kleinen, steinigen Strand, der sogar mit Lifeguards ausgestattet war. Wir setzten uns auf einen Baumstamm und beobachteten das Treiben vor uns.

Nach einer Weile zog es auch uns ins Meer. Wir baten eine Mutter, die mit 5 Kindern da war, darum, ein Auge auf unseren Rucksack zu werfen und schwammen los. Nicht weit vom Ufer entfernt gab es eine schwimmende Insel aus Holz, auf die wir uns für eine Weile legten. Schnell kamen wir mit einer jungen Frau ins Gespräch, die in Vancouver lebte und den gleichen Bikini wie ich trug. Wir erzählten von unserer Reise und sie gab uns einige Tipps für Vancouver.

Irgendwann schwammen wir zurück und machten uns dann nach einer Weile auch auf den Rückweg. Langsam wurden wir hungrig und wir hatten uns inzwischen sehr weit von unserem Hotel entfernt. Auf dem Rückweg hielten wir uns am Wasser. Wir beobachteten, wie zwei Kreuzfahrtschiffe Richtung Ozean starteten und trafen viele Sportler, Familien und Rentner, die den Ausblick genossen.

Wir aßen im Danny`s (inzwischen das 3. Mal. Der Laden hatte es uns echt angetan) und kamen danach endlich im Hotel an. Wir waren ganz schön geschafft für einen Entspannungstag. Aber 26.594 Schritte sind doch entspannt, oder?


21.07.2022

Vancouver – Fähre nach Vancouver Island – Tofino

“I take tips from Canada on a lot of things.” –Barack Obama


Natürlich wachten wir wieder früh auf. Wir schliefen aber auch immer recht früh ein. Wir räumten auf, packten und frühstückten gemütlich und trotzdem waren wir im Endeffekt früher an der Fähre nach Nanaimo, als ich geplant hatte. Das war aber kein Problem. Man teilte uns einfach der früheren Fähre nach Vancouver Island zu und so starteten wir um 8:45 in Richtung Insel.

Die Fahrt dauerte etwas mehr als 1 ½ Stunden. Wir standen auf dem Deck uns sahen in die Ferne. Später saßen wir dann unter Deck und dösten ein Wenig. Die Zeit verging schnell und schon saßen wir im Auto. Ich las noch etwas, bis wir runterfahren durften (JAAAAA, ich nutze das Buch).

Schließlich waren wir endlich auf Vancouver Island. Glück durchströmte mich. Jeder Kanadier, dem man sagt, dass man nach Vancouver Island fährt, kommt aus dem Schwärmen nicht mehr raus. Die Begeisterung ist groß. Und auch ich bin hin und weg, sobald wir aus der Stadt raus sind. Innerhalb weniger Minuten sah ich den Ozean, zwei Weißkopfseeadler und einen anderen, braunen Adler mit rötlichen Federn am Kopf. Ja, er war so nah, dass ich die rötlichen Federn erkennen konnte. Vor Freude füllten sich meine Augen mit Tränen. Ich war überwältigt. Und unendlich glücklich.

Wir fuhren einmal komplett über die Insel, um nach Tofino zu kommen. Unsere Unterkunft, auf die ich mich im Vorfeld am meisten gefreut hatte, lag direkt vor den Toren Tofinos: Die Middle Beach Lodge.

Auf dem Weg nach Tofino wurde das Wetter immer schlechter, bis wir schließlich nur noch weißen Matsch am Himmel sahen und durch die Nebelsuppe nicht weit sehen konnten. Na super. Ausgerechnet hier sollte uns das Glück beim Wetter verlassen.

Da wir etwas früh dran waren, fuhren wir zunächst nach Ucluelet, er nächstgelegene Ort von Tofino aus. Und nein, ich konnte bis zum Ende nicht herausfinden, wie man diesen Ort ausspricht. Keine Ahnung. Wir haben uns jedenfalls immer halb die Zunge gebrochen und es dann mit „UC“ abgekürzt.

Wir gingen an den Strand, guckten uns den kleinen Hafen an und besuchten einen Souvenirshop. Und endlich war es soweit: Wir fanden das perfekte Souvenir für uns. Einen auf Holz geschnitzten Bären, der aus dem Wasser kam. Die Schnitzerei war detailliert, die Größe perfekt und der Preis passte auch. Oh man war ich froh, dass wir uns nicht schon vorher mit einem anderen Souvenir zufrieden gegeben hatten.

Weiter ging es zur Middle Beach Lodge. Schon beim Einchecken konnte man das Rauschen der Wellen hören. Wir hatten ein Zimmer im „Adult Only“ Bereich. Mit einem Balkon in Richtung Meer. Wir konnten den Strand aber auch die Klippen direkt von unserem Zimmer aus sehen. Eigentlich traumhaft.

Und trotzdem war ich nicht glücklich. Das Zimmer war recht klein, die Koffer mussten aufgestellt werden, um überhaupt Platz zu haben. Das Restaurant in der Lodge bot jeden Tag nur ein Gericht an. Jeden Tag gab es einen anderen Fisch. Laut Google gab es fast nur Fischrestaurants in der Umgebung. Wir suchten ewig nach einem Restaurant, in dem auch Mike essen konnte. Wie schwer konnte es eigentlich sein, Hähnchen und Pommes irgendwo zu finden? Sehr schwer, wie sich herausstellte.

Genervt gingen wir schließlich in ein Restaurant am Hafen, in dem Mike Hähnchen auf Waffel essen konnte. Es war so ekelhaft, wie es sich anhört. Süße Waffel mit Fleisch, das passt einfach nicht. Ich aß eine Pizza, die nicht besonders gut schmeckte. Wenn man nach Draußen guckte, sah man vom Hafen nichts. Das Wetter war zu schlecht. Kein schöner Einstieg in Tofino.

Wir gingen früh schlafen. Laut Wetterbericht sollte es morgen nur leicht bewölkt sein. Außerdem hatte ich etwas Schönes geplant. Es wird schon.


22.07.2022

Tofino

„The world has enough room for you to shine.“ – Dr. Jeff Kane


Nebel in Tofino

Der nächste Morgen begann mit noch mehr Nebel. Ich setzte mich ab 6 Uhr mit dem Buch und einer dicken Decke auf den Balkon. Immerhin konnte ich etwas entschleunigen. Mir fällt es in der Regel recht schwer, innezuhalten und einfach im hier und jetzt zu bleiben.

Als Mike auch wach war, machten wir uns in Ruhe fertig und gingen im Hotel frühstücken. Das Frühstück war inklusive und man merkte sofort, dass hochwertige Produkte verwendet wurden. Es gab sogar frisch gebackene Zimtschnecken. Gut, die haben uns beiden nicht geschmeckt, weil es einfach zu viel Zimt war, aber gut war das Frühstück trotzdem.

Danach machten wir uns auf den Weg zu den Hoteleigenen Wanderwegen. Sie waten nur kurz, aber sehr schön. Man lief wie im Dschungel und kam sich plötzlich ganz klein und unwichtig in der Natur vor. Viel zu schnell waren wir die Wanderwege abgelaufen und schlugen uns zu dem Strand durch, den wir von unserem Zimmer aus nicht sehen konnten. Er war sehr breit und viel länger, dadurch aber auch besser besucht. Niemand wollte bei dem Wetter ins Wasser, aber viele genossen einen Strandspaziergang. Nach einer Weile sahen wir in einem Baum zwei Weißkopfseeadler sitzen. Hoch oben hatten sie die komplette Bucht im Blick. Es war eindeutig, dass es sich um ein Männchen und ein Weibchen handelte. Wir beobachteten die Tiere eine Weile und änderten dabei immer wieder unsere Perspektive. Währenddessen sprach uns ein Mann an, der jedes Jahr nach Tofino reist und die Adler jedes Jahr im selben Baum vorfindet. Er erzählte uns, er habe für eine Weile in Deutschland gelebt und gearbeitet (aber wer hat das nicht???) und ging nach einer Weile weiter mit seinem Hund spazieren.

Wir schlenderten noch weiter am Strand lang, auch an dem, den wir von unserem Zimmer aus sehen konnten und hatten schließlich genug Zeit totgeschlagen, um nach Tofino zu fahren. Zur Mittagszeit hatten wir eine Bärentour von einem Zodiak aus gebucht.

Wir liefen noch eine Weile durch Tofino, fanden in einem Buchladen das Buch „Orca“, das ich schon lange mal lesen wollte und kauften mir außerdem noch ein Tanktop mit einem Bären drauf. Klingt alles gut und trotzdem fühlte ich mich mit Tofino nicht so richtig verbunden. Vielleicht waren die Erwartungen zu hoch. Vielleicht passte der Ort aber auch einfach nicht zu mir. Keine Ahnung.

Für die Bärentour bekamen wir dicke Anzüge. Wir fuhren mit einem unglaublichen Tempo los und konnten schon bald unseren ersten Bären an Land erhaschen. Doch wir blieben sehr weit weg. Wir konnten zwar beobachten, wie der Bär umherlief und unter Steinen nach Essen suchte, machten dies aber sicher aus 200 Metern Entfernung. Besonders spannend war das nicht. Im Laufe der Tour sahen wir noch Seeotter, die – wie uns erklärt wurde - von Alaska immigriert waren und sich immer mehr vermehrten, einige Robben und noch einen weiteren Bären.

Wir waren schon fast wieder zurück am Hafen und ich empfand den Preis als nicht gerechtfertigt, da geschah etwas, was selbst unserem Guide noch nie auf einer Bärentour passiert war: „ORCAS!“. In einiger Entfernung konnten wir eine Gruppe Orcas schwimmen sehen. Mein Adrenalinspiegel schoss in die Höhe. DAS war der Moment. Die ersten Orcas meines Lebens. Orcas sind wohl die Lebewesen, die mich am meisten faszinierten. Schon als Kind guckte ich alle Free Willie Filme, bis ich sie auswendig konnte. Mein Traum war es immer, den Tieren irgendwann nah zu sein. Und das hier war der erste Schritt: Schlechtes Wetter und weit weg, aber ich konnte sie sehen. Ich freute mich so sehr und wünschte mir, in einem der Kajaks zu sitzen, an denen die Orcas gerade ganz nah vorbei geschwommen waren. Ich weinte vor Freude und wäre am liebsten gleich wieder mit einem Boot rausgefahren, um die Gruppe wiederzufinden. Doch eine Whale Watching Tour wollten wir in Tofino eigentlich nicht machen. Dafür hatten wir noch das Orca Camp, das bald starten sollte.

Mein erster Orca

Nachdem wir wieder an Land und die Orcas weitergezogen waren, versuchten Mike und ich das Unmögliche: Ein passendes Restaurant für uns finden. Wir landeten im Endeffekt in einem Fish&Chips Imbiss. Mike bekam Hähnchen mit Pommes und ich bestellte mir einen Salat mit etwas frittiertem Fisch drauf. Das dachte ich zumindest. In der Realität war es ein kleiner Haufen Sauerkraut mit massenweise Fisch darauf. Ich konnte es einfach nicht essen. Es schmeckte mir nicht. Immerhin schmeckte Mikes Essen. Wir gingen weiter zum Chinesischen Schnellrestaurant. Ich wollte mir ein paar Nudeln mitnehmen. Begrüßt wurden wir mit den Worten: „At least an hour till your food will be ready.“ Na super. Also ging es in den Supermarkt, wo ich im Deli immerhin ein paar Chicken Tenders bekam. Die aß ich dann auf unserem Balkon. Mit Aussicht auf den vernebelten Strand.

Danach legte ich mich schlafen. Langsam bekam ich das Gefühl, Tofino würde mich hassen. Zwar war die Orcabegegnung ein unerwartetes Highlight, doch das fühlte sich für mich so an, als hätte Tofino sich kurz entschuldigt, nur um dann noch ätzender zu mir zu sein. Viel Nörgeln, ich weiß.

Als Mike mich um kurz vor 9 wieder weckte, war ich komplett neben der Spur. Aber das Aufstehen lohnte sich: Die Wolken hatten sich etwas gelichtet und man konnte den Sonnenuntergang sehen. Ich spurtete ausgestattet mit meiner Kamera und dem Stativ zum Strand, um diesen kurzen, aber wunderschönen Moment einzufangen. Die vielen Wolken wurden in den schönsten Farben angestrahlt. Es war wirklich beeindruckend.

Danach konnte ich lange nicht wieder einschlafen, doch ich blickte positiver in den kommenden Tag. Vielleicht bedeutete dieser Sonnenuntergang schönes Wetter für den kommenden Tag.


Sonnenuntergang Tofino

23.07.2022

Tofino

„Who lives sees, but who travels sees more.“ - unknown


Das bedeutete es nicht. Am Morgen war der Nebel sogar dichter als je zuvor. Ich las, wir frühstückten und dann machten wir uns auf den Weg nach Ucluelet, von wo aus unsere Wanderungen starten sollten.

Das Problem war nur: Wir beide hatten überhaupt keine Lust zu wandern. Doch der Pacific Rim Nationalpark bot sich mit Wegen wie dem wild pacific trail perfekt dazu an. Also wanderten wir durch die unglaublichen Wälder und an den Klippen entlang zu einem Leuchtturm.

Auf dem Weg sahen wir etwas schwarz-gelb gepunktetes auf dem Weg liegen. Es sah irgendwie schleimig aus und ich sagte sofort, das müsste eine Art Schnecke sein. Doch Mike dachte, es wäre nur ein Angelköder und kippte das Ding einfach mit dem Fuß um. Ich war mir sicher, dass es ein Lebewesen war und kippte es vorsichtig wieder zurück. Mike glaubte mir erst, als wir an ein Schild kamen, auf dem das merkwürdige Tier abgebildet war: Eine Bananenschnecke! Ha! Und er hätte es beinahe getötet. Das musste er sich noch den ganzen Tag von mir anhören. Versuchter Mord an einer Schnecke! Ein Skandal.

Schon am Morgen hatten wir beschlossen, nicht den ganzen Tag zu wandern. Spontan hatten wir für den Nachmittag eine Whale Watching Tour gebucht. Mit einem anderen Unternehmen als die Bärentour, aber wir hatten ein gutes Gefühl dabei. Um 17.30 sollte sie beginnen. Genug Zeit, um vorher noch einen Mittagschlaf zu machen und dann wieder beim Imbiss essen zu gehen. Diesmal wollte ich mit einem Chickenburger auf Nummer sicher gehen.

Beim Imbiss stand ich ewig an, nur um dann bei den Kunden direkt vor mir zu hören, dass das Hähnchen jetzt aus sei. Na super! Also bekam Mike eine riesige Portion Pommes und ein großes Softeis, während ich einen Beef Burger aß. Tofino, wir und essen, das passte einfach nicht. Mike und ich witzelten schon darüber, hier ein gutes Restaurant aufzumachen. Wir hörten von vielen, wie unzufrieden sie über die Restaurantwahl hier waren. Und dass das Hähnchen schon mittags alle war, sprach auch Bände.

Bei der Whale Watching Tour angekommen erhielten wir gute Windjacken und warteten, bis es endlich Zeit war, das Boot zu besteigen. Tofino zeigte sich ganz plötzlich von seiner besten Seite: Der Nebel war weg und die dichte Wolkenschicht war leichten Wolkenschleiern gewichen. Ich konnte die Sonne auf meiner Haut spüren und empfand zum ersten Mal Liebe für diesen Ort. Was für ein Einfluss Wetter haben konnte. Dabei war ich gar nicht der Sommerwetter-Typ. Ich reise oft in Gegenden, in denen Regen keine Seltenheit ist. Nur wenn ich am Meer bin, möchte ich in der Regel auch gutes Wetter haben.

Ich sicherte mir schnell einen der begehrten vier Plätze vorne auf dem Boot und fühlte mich schnell, als hätten wir eine Privattour gebucht. Von den anderen Leuten bekam man dort nichts mit. Es war zwar besonders windig und der Seegang war deutlich zu spüren, aber ich genoss jede Sekunde. Nach einer Weile kam auch Mike dazu und wir genossen gemeinsam die besten Plätze des Bootes.

Nach einer Weile wurden wir langsamer und wir sahen links von uns eine Menge an irgendwas. Es sah aus wie Robben. Seeotter, wie uns dann erklärt wurde. Der Bootsmann kam zu uns, um uns etwas zu erzählen. Seeotter sind Jäger und werden von keinem anderen Tier hier gejagt. Manchmal spielten Orcas mit ihnen und schleuderten sie in die Luft, aber das war das Schlimmste, was ihnen passierte. Niemand isst Seeotter, das wäre viel zu haarig. So konnten die Seeotter sich in den letzten 20 Jahren derart vermehren, dass sie sich schon fast zu einer Plage entwickelt hatten. Der Bootsmann machte dabei zahlreiche schlechte Witze. Hier zwei Beispiele:

„Do you know how we count otters here?“ „No“ „One Otter, One Otter, One Otter.“

„This was otterly amazing.“

Wir fuhren weiter. Hoffentlich auf der Suche nach Walen. Beim nächsten Hald konnten wir einige Robben

beobachten, die sich laut Bootsmann in den Steinhöhlen vor den Orcas versteckten. Auf meine Frage hin, wo dann die Orcas wären, antwortete er nur: „I know, that would seal the deal.“ Haha.

Wieder fuhren wir weiter. Diesmal sahen wir von unseren Plätzen schon von Weitem, dass wir uns einem Wal näherten. Immer wieder schoss eine Fontäne in die Höhe. Ich war begeistert. Allein das Wissen, dass sich in unmittelbarer Nähe ein gigantisches Meerestier herumtrieb machte mich glücklich. Bald waren wir nah genug dran, um den passenden Rücken zur Fontäne zu sehen. Ein Grauwal tauchte immer wieder ab und auf. Grauwale sind recht groß und schwer. Sie waren anders als die Buckelwale nicht gerade für ihre Springshows bekannt. Doch der Wal gab sich alle Mühe mit den Fontänen und seinem Rücken. Einmal zeigte er uns sogar seine Flosse. Wir beobachteten das Treiben eine Weile, als einziges Boot weit und breit und konnten sehen, wie der Wal sich auf der Suche nach Futter immer wieder zu uns und dann wieder von uns wegbewegte.


Schließlich fuhren wir weiter. Weit raus aufs Meer. Die Wellen wurden stärker, doch der Himmel und das Meer waren noch immer blau. In einiger Entfernung konnten wir schließlich ein einzelnes Zodiak sehen. Der Motor war aus. Immer ein gutes Zeichen. Wir fuhren hin und wurden sehr schnell von 3 schwarzen Rückenflossen begrüßt. Eine kleine Gruppe von 3 Orcas schwamm direkt vor uns zwischen Felsen, die aus dem Wasser ragten. Sie waren nicht einmal weit weg. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Ein unglaubliches Gefühl, diese Tiere zu beobachten. Der Bootsmann vermutete, dass sie nach Delfinen oder Robben suchten, doch von einer Jagd bekamen wir nichts mit. Bald verabschiedete sich das andere Boot und wir waren die einzigen, die die Tiere beobachteten. Zwischendurch kamen die Orcas immer näher an uns heran.

Still unreal to me

Es war einfach ein unglaublicher Moment, der dann sehr plötzlich endete. Wir hörten aus dem Inneren des Bootes ein Poltern und plötzlich schrie eins der Mädchen, die bei uns mit vorne gesessen hatte, um Hilfe. Ihre Schwester war böse gestürzt. In Sekundenschnelle waren die Eltern, der Bootsmann und der Kapitän bei dem Mädchen. Das schmerzende Knie wurde stabilisiert du gekühlt. Später erfuhren wir, dass sie nicht von einem Bruch ausgingen. Ein gutes Zeichen. Irgendwann war der Schmerz soweit vergessen, dass das Mädchen sogar zu ihrer Familie gesagt hat: „Ein Glück habe ich mich erst verletzt, nachdem ich Orcas gesehen habe.“ Als die Mutter mir das erzählte, musste ich lachen. Der Spruch hätte von mir kommen können.

Langsam fuhren wir weiter. Die Verletzung hatte eine Menge Zeit gekostet und wir hatten die Zeit unserer Tour schon überschritten. Trotzdem hielten wir vor dem Hafen noch einmal an einem Felsen mit Seelöwen. Alles für die Touristen.

Glücklich und mit etwa 45 Minuten Verspätung kamen wir am Hafen an. Die Stimmung stand bereits auf Sonnenuntergang. Keine Chance mehr für uns, in Ruhe einen geeigneten Spot zu finden. Der Bootsmann gab uns nur den Tipp, aus Tofino raus und an einen der Strände zu fahren. Also tankten wir noch und fuhren dann zu unserer Unterkunft, um den Sonnenuntergang von unserem Balkon aus zu genießen. Ein sehr schöner Tag ging vorüber und wir fielen glücklich ins Bett.




24.07.2022

Tofino – Campbell River

„My real home is on the road.“ - unknown


Heute sollten wir uns von Tofino verabschieden. Der Abschied fiel mir nicht besonders schwer und dennoch würde Tofino für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben. Nicht für das Wetter oder das überragende Essen, aber für die Erfüllung eines meiner größten Wünsche: Orcas in freier Wildbahn sehen. Tofino hatte mir diesen Wunsch gleich zweimal erfüllt. Wie konnte ich diesen Ort also nicht lieben?

Gut, ich würde es Geschwisterliebe oder gar Hass-Liebe nennen, aber Liebe auf jeden Fall.

Nach dem Frühstück ließen wir uns viel Zeit zum Auschecken. An den Strand wollten wir nicht noch einmal. Der Nebel war zurück und zeigte sich stärker denn je. Um kurz nach 10 fuhren wir los in Richtung Campbell River. Ein Ort, den wir nur nutzen wollten, um einmal dort zu übernachten und unser Auto für ein paar Tage zu parken. Denn von dort aus sollte es morgen zum Orcacamp gehen.

Die Fahrt zog sich. Wir standen ewig an einer Baustelle und Mike musste zwischendurch für ein Nickerchen halten, um nicht während der Fahrt einzuschlafen. Umso weiter wir uns von Tofino entfernten, desto sonniger und wärmer wurde es.

Als wir schließlich in Campbell River ankamen sah unser Hotel von außen nicht gerade einladend aus. Auch an der Rezeption wurden wir eher verhalten begrüßt und wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass wir aus irgendeinem nicht nachvollziehbarem Grund viel weniger als üblich bezahlten. Dafür war unser Zimmer umso schöner. Direkt von der Veranda vor unserem Zimmer aus hatten wir einen wunderschönen Ausblick auf den Fluss und die Putzkraft kam extra noch einmal zu uns, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war und wir uns wohl fühlten.

Am späten Nachmittag liefen wir zum Hafen. Wir wollten sehen, wo wir am Folgetag parken würden und von wo aus wir ins Orca Camp starten würden. Außerdem wollten wir noch essen gehen.

Den Parkplatz und Dock fanden wir schnell und die Mitarbeiterin von Wildcoast Adventures riet uns noch einmal, auf dem kostenfreien 48-Stunden-Parkplatz zu parken, auch wenn wir länger dort stehen würden. Am Hafen fanden wir außerdem eine Bar, in der wir auch etwas essen wollten. Doch vorher gingen wir noch in einen Shop der First Nations. Wir sahen uns um und es passierte: Ich verliebte mich in eine Figur eines Orcas. Wunderschön und schwer. Und vor allem teuer. Ich fragte, ob sie den Orca noch in kleiner hätten, doch leider war das nicht der Fall. Ich überlegte eine Weile, doch ich wusste genau, ich würde es bereuen, ihn nicht zu kaufen. Also reichte Mike mir die Kreditkarte. Die Verkäuferinnen, die alles aus erster Reihe miterlebt hatten, lachten und stellten fest, dass das schnell ging und dass Mike ein guter Ehemann war. Ich gab ihnen Recht.

Das Essen in der Bar war sehr gut und das Geld mehr als wert. Ich trank einen Cocktail mit Wassermelone und konnte so den Sommer quasi schmecken. Danach ging es zurück zum Hotel und wir schliefen schnell ein. Ich konnte den nächsten Tag kaum erwarten.


25.07.2022

Campbell River – Orca Camp

„A world without dolphins and whales isn’t much of a world at all.“ – Ric O‘Barry



Dakoration im Orcacamp

Natürlich wachten wir vor dem Wecker auf. Natürlich waren wir dadurch früher als geplant am Hafen. Natürlich mussten wir warten, bis wir zu Wildcoast Adventure gehen und einchecken konnten.

Als wir endlich am Dock saßen und auf den Beginn des Outdoor Abenteuers warteten, beobachteten wir nervös die anderen Reisenden, die nach und nach eintrudelten. Wir würden 4 Tage miteinander verbringen und hofften inständig, dass die Chemie stimmte. Am Anfang kamen nur Amerikaner an. Später dann noch eine Frau aus Kanada, eine Familie aus der Schweiz und eine weitere Familie aus Deutschland. Mike war schon glücklich. Er war also nicht gezwungen, 4 Tage nur Englisch zu hören und zu sprechen.

Wir kamen auf das kleinere Boot mit insgesamt nur 6 Personen. Insgesamt waren wir eine Gruppe von18 Personen. Voll ausgebucht also. Auf unserem Boot war noch ein anderes Pärchen, Becca und Kurt, und noch zwei Schwestern, Laura und Beth. Von einem anderen Hafen sammelten wir noch das Essen und einen der Guides, Zoe, ein. Dann starteten wir unsere fast dreistündige Bootstour ins Camp. Der Wellengang war unterwegs nicht ohne und so wurden wir ordentlich durchgeschüttelt. Nichts für Leute mit Rückenproblemen. Zoe war das scheinbar gewohnt, denn sie lag hinten auf Deck und schlief. Bereits auf dem Hinweg hatten wir großes Glück. Wir sahen unglaublich viele Delfine. Ein Schwarm war so groß, dass der Kapitän ihn auf etwa 75 Tiere schätzte. Technisch gesehen ist man auf Vancouver Island dazu verpflichtet, 150 Meter Abstand zu halten, doch bei den Delfinen war das gar nicht möglich. Neugierig umzingelten sie unser Boot und ritten die Wellen hinter uns, als wir schließlich weiterfuhren. Etwas später sollten wir wieder halten und die ersten Orcas unserer Tour für eine Weile beobachten. Sie waren weit weg, aber man konnte sie sehen. Der Wellengang war dabei so heftig, dass wir zwischenweise Angst hatten, über Bord zu gehen.

Etwas später erreichten wir das Camp und mussten gleich eine erste Hürde überwinden. Vom Boot aus ging es in ein kleines, wackeliges Ruderboot, das uns den Rest des Weges bringen sollte. Zum Glück hatten wir unsere Wasserschuhe an.

Das Camp begrüßte uns mit leichtem Nebel. Wir betraten den steinigen Boden und liefen zu dem Zelt, was für uns die nächsten Tage zentral sein würde: Das Zelt mit den Kajak-Utensilien. Dort trafen wir auch die anderen beiden Guides, Nolan und Frenchie/Matt/Jesus, die uns sehr schnell auf eine Führung durch das Camp mitnahmen. Sie zeigten uns die Zelte, die beiden etwas entfernten Toiletten (ohne fließend Wasser), das Waschbecken, die Dusche (übrigens nur 1 für 18 Leute), Sauna und Hot-Tub und den wichtigsten Part: Die Küche mit Speisezelt. Danach sollten wir uns unsere Zelte aussuchen und uns einrichten, bevor wir uns wieder treffen wollten, um einiges zu besprechen. Schnell fand ich eines der besten Zelte für uns. Zumindest für mich war es perfekt. Es stand etwas abseits, aber nah an einer der Toiletten. Das Beste war aber der Ausblick. Direkt vor dem Zelt mit den beiden Einzelbetten tat sich eine Lücke zwischen den Bäumen auf und man konnte direkt aufs Meer sehen. Perfekt.



Bei dem Meeting später begannen wir mit einer Vorstellungsrunde, doch konnte ich mir kaum einen Namen merken. Was ich aber schnell feststellte, war, dass die meisten vor Ort deutlich mehr Outdoor-Erfahrung hatten als wir. Von Klettern über Kajaken bis Tauchen war alles dabei. Außerdem stellte Jeff sich vor. Er war der Koch des Camps und man spürte sofort, dass er seinen Job liebte und voll und ganz in ihm aufging. Nolan und Frenchie erzählten bei dem Meeting viel über das Gebiet, in dem wir uns befanden. Wir waren an der Johnson Strait, gleich neben der Robson Baight. Das war ein Naturschutzgebiet, in dem sich viele der Rubbing Beaches befinden, wo sich die Orcas am Strand rieben. Warum sie das tun, weiß man bis heute nicht sicher. Jedes Jahr im Sommer schwimmen die Orcas durch die Johnson Strait auf der Suche nach Lachs. Dabei handelt es sich um resident Orcas, die nur Fisch essen. Manchmal sieht man auch Transient Orcas, die andere Meereslebewesen, wie Delfine und Robben fressen. Offshore Orcas verirren sich nur selten dorthin. Sie leben weit draußen und essen unter anderem Haie. Ich fand es super spannend, all das zu lernen, doch eigentlich wollte ich vor allem eins: Endlich in ein Kajak steigen und lospaddeln.

Mein Wunsch wurde mir schon bald erfüllt. Es gab ein sehr leckeres Sandwich zum Lunch und kurz danach trafen wir uns an dem Zelt. Wir bekamen eine kleine Einführung von Zoe, damit wir mit den verschiedenen Utensilien umzugehen wussten und durften bald in ein Kajak steigen. Mike und ich entschieden uns für ein double, da wir noch kaum Erfahrung hatten und uns gesagt wurde, ein Double-Kajak wäre leichter als Einstieg. Wir fuhren ein Stück an der Küste entlang und kehrten nach etwa 2 Stunden zurück. Dann hatten wir etwas Freizeit, um uns einzurichten und einander kennenzulernen. Wir wollten direkt ins Meer und ich tat es auch, aber es war sehr kalt und die Steine selbst mit Wasserschuhen so rutschig, dass ich beim Herausgehen zweimal stürzte. Dort würde ich wohl nicht viel ins Meer gehen. Danach ging es in den Hot-Tub, der leider noch nicht ganz erwärmt war. Er wurde mit Holz befeuert und da das Wasser erst am Morgen aus dem Fluss in den Pool gefüllt worden war, war bislang nur die Oberfläche wirklich warm. Also ging es noch kurz in die Sauna. Wir unterhielten uns lange mit der deutschen Familie und zogen uns schließlich für das Abendessen und die Kajak-Tour zum Sonnenuntergang um.



Zum Sonnenuntergang fuhren wir in die Mitte der Passage, etwa 2 km weit. Dort warteten wir, quatschten mit den Guides und beobachteten, wie die Sonne langsam unterging. Danach ging es zum Lagerfeuer, wo wir den Abend ausklingen ließen. Man lernte sich gegenseitig besser kennen und lauschte den Frenchie und Jeff, die mit ihren Gitarren und rockigen Stimmen für erstklassige Lagerfeuerstimmung sorgten. Es war wieder sehr nebelig, weshalb wir nicht mehr auf Sterne hofften und bald ins Bett fielen. So gut, wie hier hatten wir auf der gesamten Reise nicht geschlafen.


26.07.2022

Orca Camp

„All your dreams can come true, if weh ave the courage to pursue them.“ – Walt Disney


Der Wecker klingelte um 5:45. Nachdem wir letzte Nacht länger wach waren, als geplant, und ich nachts noch einmal auf die Toilette musste, war ich nicht gerade begeistert. Doch das morgendliche Paddeln sollte um 6:30 beginnen. Also zogen wir uns an und gingen hinaus. Nur um gleich den Kajaktrip zu hinterfragen: Wir waren mitten im Nebel. Weiter als 15 Meter konnte man nicht gucken. Beim morgendlichen Kaffee überlegte ich, ob ich die Tour ausfallen lassen sollte, doch ich entschied mich trotzdem dafür, mitzufahren. Zum Glück.

Von den 18 Campbewohnern kamen diesmal nur 11 mit. Ich hatte meine Kamera aufgrund des dichten Nebels im Camp gelassen, um mich mehr auf Fahren zu konzentrieren. Wir paddelten nah am Ufer, da man auf dem Wasser zu wenig sehen konnte. Bereits nach wenigen Minuten hörten wir sie: Wale! Eine ganze Menge. Wir hörten die Luft, die sie ausstießen. Da es so regelmäßig passierte, wussten wir schnell, dass es sich um Resident Orcas handeln musste. Buckelwale tauchen nicht so häufig auf und die Transient Orcas sind länger unter Wasser, um nach Robben, Delfinen oder anderen Lebewesen zu suchen, die sie aßen. Resident Orcas essen einfach den Lachs, den es hier überall gibt.

Wir hörten auf zu paddeln, richteten unsere Kajaks Richtung Mitte der Wasserstraße aus und lauschten. Es war beeindruckend, die Orcas zu hören. Hin und wieder hörte man die Sprünge, meistens aber vor allem den „Blow“. Gebannt starrten wir in den Nebel und hofften, dass die Orcas so nah waren, wie es sich anhörte.

Plötzlich passierte es. Mike und ich waren etwa 3 Meter von dem Orca entfernt, der auftauchte und den wir genau sehen konnten. Diesem Tier so nah zu sein war ein unbeschreibliches Gefühl. Auf jeden Fall eines der intensivsten Gefühle, die ich je gespürt habe. Ich hatte am ganzen Körper Gänsehaut. Und das nicht wegen der Kälte. Beim zweiten Auftauchen des Orcas direkt vor uns liefen dann die Tränen. Ich konnte es nicht fassen. Das war der Moment, den ich mir immer erträumt habe. Ein Moment so nah an einem beeindruckenden Tier. Ein Moment, den ich mir gewünscht, aber für unrealistisch gehalten habe. Spätestens beim dritten Auftauchen weinte ich hemmungslos. Selbst wenn ich das hier schreibe, bekomme ich wieder Tränen in die Augen. Ich glaube, das war der schönste Augenblick auf dieser Reise. Ein unvergesslicher Moment.

Ich habe mich schon etwas geärgert, meine Kamera nicht mitgenommen zu haben. Andererseits glaube ich, dass ich den Moment so viel intensiver erleben konnte und dadurch die Emotionen viel ausgeprägter waren. Und sind wir mal ehrlich: DAS hätte ich gar nicht auf Kamera festhalten können, doch ich weiß, dass ich diesen Augenblick und die Emotionen, die ich dabei empfunden habe, niemals vergessen werde.

Wir lauschten noch lange. Immer wieder konnten wir im Nebel Orcas entdecken, aber nicht noch einmal so nah dran. Schließlich stellte der Guide fest, dass wir zu spät zum Frühstück kamen. Wir lauschten noch kurz und kehrten dann zurück. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Oder in meinem Fall mit einem Wechsel aus Lachen und Weinen.

Mein Plan war es eigentlich gewesen, noch kurz nach dem Frühstück zu schlafen, doch ich unterhielt mich noch so lange mit Becca und Kurt, einem Pärchen aus San Francisco, dass es sich einfach nicht mehr lohnte. Dafür hatte ich viel über sie und ihre Outdoor-Aktivitäten erfahren. Auch sehr schön.

Am späten Vormittag ging es dann los auf die nächste Paddeltour. Der Nebel hatte sich inzwischen fast vollkommen verabschiedet und es wurde immer wärmer. Wir fuhren komplett auf die andere Seite der Johnston Strait und paddelten dann dort noch eine ganze Weile am Ufer entlang. Wir waren direkt gegenüber der Rubbing Beaches, konnten aber leider keine Orcas entdecken. Dafür sahen wir einen Schwarzbären, der am Ufer nach Futter suchte. Nicht weit von der Stelle entfernt machten wir dann Mittagspause. Jeff hatte alles mitgegeben, um leckere Sandwiches zu belegen. Die Pause war sehr ausgiebig. Mein Tatendrang war nach kurzer Zeit schon unerträglich. Ich wollte endlich weiter. Nach der Pause machten wir uns auf den Rückweg zum Camp. Die Mittagstour war immer die längste Tour. Dennoch hatte man mehrere Stunden Pause bis zum Abendessen.

Frenchie bot an, uns einen Wanderweg zu einem alten Cedar-Tree zu zeigen und so versammelten wir uns um kurz nach 4 um ihn und kraxelten durch die Wildnis. Er erzählte uns, wie er nach einem Sturm vor zwei Jahren ewig gebraucht hatte, um den Weg wieder begehbar zu machen. Er musste ganze Bäume zersägen und an manchen Stellen Seile anbringen, damit man in dem unebenen Gebiet Halt finden konnte. Außerdem erzählte er uns zwei Geschichten der First Nations. Eine über die Bäume und deren Früchte und eine darüber, wie der Orca seinen Namen bekommen hatte.

Nach den Ureinwohnern gab es damals einen mächtigen, weißen Wal. Der Sturmvogel hat ihn als Bedrohung gesehen und wollte seine Konkurrenz ausschalten. Also stürzte der Sturmvogel sich auf den weißen Wal, pickte ihm die Augen aus und hob ihn in die Lüfte. Er flog immer höher und höher. Der weiße Wal wehrte sich und versuchte, dem Griff des Vogels zu entkommen. Er mobilisierte alle seine Kräfte, auch die Übernatürlichen und konnte sich schließlich befreien. Er fiel zurück ins Wasser. Während seines Überlebenskampes aber hatte sich der Wal verbrannt und war somit schwarz eingefärbt worden. Nur die Augen, eine Stelle hinter der Finne und der Bauch waren vor der Sonne geschützt und blieben somit weiß.

Wieder zurück im Camp war es bald Zeit fürs Abendessen. Ich überlegte unterdessen, ob ich heute mit zur abendlichen Paddeltour wollte, oder lieber den Sonnenuntergang vom Strand aus beobachten und fotografieren wollte.

Die Entscheidung fiel, als Frenchie mir erlaubte, ein Kajak quer über den Strand zu tragen, um es an einen

schönen Platz für den Sonnenuntergang zu legen. Ich richtete mich also mit Kamera, Kajak und einem Buch am Strand ein. Während ich auf den Sonnenuntergang wartete, musste ich 3 mal das Kajak verschieben. Die Flut kam. Ich finde trotzdem, dass dabei tolle Bilder entstanden waren.

Danach ließen wir den Abend im Whirlpool und am Feuer ausklingen. Nur Markus, Mike und ich waren noch wach, als es dunkel genug für die Sterne wurde. Der Nebel und die Wolken waren komplett weg und da es weit und breit keine großen Städte oder andere Lichtquellen gab, war der Sternenhimmel atemberaubend. Die Milchstraße konnte man mit bloßem Auge erkennen und immer wieder sahen wir Sternschnuppen. Ich wollte fotografieren und die Männer quatschten miteinander, als ich sie plötzlich hörte: Die Blows von Walen. Ich brachte die Männer zum Schweigen und sie kamen zu mir an den Strand. Die Blows wurden immer lauter. Es war ein magischer Moment. Der Geruch des Meeres, der Blick auf die Milchstraße gerichtet und das Geräusch der Orcas. Ich wünschte mir, ich könnte diesen Moment einsperren. Festhalten, sodass ich immer wieder dorthin zurückkehren konnte. So etwas Magisches hatte ich noch nie erlebt. Obwohl wir nichts sahen, fühlte ich mich den Orcas sehr nah. Über eine Stunde standen wir so da. Nach einer Weile hörten wir die Wale sogar springen. Ich wäre niemals ins Bett gegangen, wären die Orcas nicht irgendwann weitergezogen. Viele Stunden waren nicht übrig, als ich schließlich im Bett lag und einschlief.




27.07.2022

Orca Camp

Advice from an Orca: „Take time to play. Enjoy a good swim. Don’t be afraid to make waves. Always keep learning. Jump for joy!“


Nur 3 Stunden später wachte ich auf, weil ich auf Toilette musste. Es war 5 Uhr morgens. Als ich das Zelt verließ, konnte ich einen Blick auf einen umwerfenden Sonnenaufgang erhaschen. Na super, ich würde mich so schnell ganz sicher nicht wieder hinlegen. Also ging ich zum Strand, beobachtete den Sonnenaufgang und ging schließlich zum Orca Shack, dem Aufenthaltsraum, wo schon andere Frühaufsteher mit einem Kaffee auf der Terrasse standen. Meine Müdigkeit war mir deutlich anzusehen und ich berichtete den Anderen von dem magischen Erlebnis der vergangenen Nacht.


Um 6:30 fand sich etwa die Hälfte der Gruppe für die morgendliche Kajaktour ein. Nolan sagte uns, dass es auch für ihn der erste Sonnenaufgang der Saison gewesen war und wir uns sehr glücklich schätzen konnten. Generell betonten die Guides immer wieder, wie viel Glück wir hatten. Es gab sogar Orcacamps, auf denen kein einziger Orca gesichtet wurde. Und wir hatten sie schon zwei Tage hintereinander sehen können.

Wir paddelten an der Küste entlang und bekamen sogar einen Seeigel auf die Hand. Faszinierend, wie viel er sich bewegt. Wenn man sie von oben sieht, sieht es eher nach einer unbeweglichen Pflanze aus. Kurz vor dem Frühstück kamen wir zurück.

Diesmal wollte ich auf jeden Fall vor der Mittagstour etwas schlafen. Ich war so müde, dass ich sonst den Tag gar nicht schaffen würde. Gerade als ich beim Zelt angekommen war, hörte ich die Rufe: „Orca, Orca!“ Also rannte ich los zum Strand und beobachtete vom Strand aus einen Pod Orcas, der am Camp vorbeizog.

Etwa 15 Minuten konnte ich danach noch schlafen, bis wir mittags wieder lospaddelten, doch diese 15 Minuten waren dringend nötig und sehr erholsam. Der heutige Trip ging an der Küste entlang. Wir machten an einem Strand Halt und unternahmen eine kleine Wanderung zu einem Wasserfall, bevor wir Couscous-Wraps und Cookies als Lunch bekamen.

Als wir uns auf den Rückweg machen wollten, ging das Ruder unseres Kajaks nicht mehr. Es hatte sich verklemmt und die Pedale hatten sich gelöst. Nolan und Frenchie taten ihr Bestes, um es zu reparieren. Beide krochen zwischen Mikes Beine in das Kajak, um an die Pedale zu kommen. Ein Anblick für Götter. Leonie, eine der deutschen Schwestern, trieb direkt vor unserem Kajak und beobachtete alles. Es dauerte nicht lange, bis wir beide so herzhaft lachten, dass auch der Rest der Gruppe darauf aufmerksam wurde. Es sah einfach zu lustig aus. Schließlich waren die Guides der Meinung, dass es provisorisch halten sollte und wir machten ein Wettrennen zur restlichen Gruppe. Na ja, zumindest die Anderen. Wir versuchten es, trieben aber ab. Unser Ruder war wieder verkeilt, also bat ich Nolan, es einfach ganz aus dem Wasser zu holen. Wir würden das schon schaffen. Und tatsächlich war das Steuern gar nicht so schwierig. Nach einer Weile nahm der Wind und somit die Wellen stark zu und wir merkten endlich, warum Kajakfahren als Sport zählt. Obwohl wir uns näher an der Küste hielten, war es sehr anstrengend, voranzukommen. Ich hatte riesigen Spaß, über die Wellen zu springen, beim Paddeln alles zu geben und vollkommen nass zu werden. Dennoch merkte ich die Anstrengung, als wir schließlich im Camp ankamen.

Da ich nicht mehr müde war, verbrachte ich den Nachmittag damit, im eiskalten Creek schwimmen zu gehen (mit Ausflügen in den Whirlpool zum Aufwärmen). Außerdem lernte ich die anderen Campbewohner immer besser kennen. Während Mike bei der deutschen Familie war, setzte ich mich zu den amerikanischen Schwestern mit dem deutschen Nachnamen Gutapfel, dem Paar aus San Francisco und einem älteren Ehepaar aus dem Norden der USA. Wir erzählten uns viel über unsere jeweiligen Leben, unsere bisherigen Reisen und Abenteuer und ich fühlte mehr und mehr, wie Fremde zu Gleichgesinnten und vielleicht sogar potentiellen Freunden wurden.

Nach dem Abendessen fuhr eine kleine Gruppe wieder raus. Viele durften nicht, da sie schon Wein getrunken hatten. So konnte ich auch endlich mal ein Single Kajak ausprobieren und fühlte mich pudelwohl. Ich fand es deutlich angenehmer, als zu zweit zu fahren und hatte richtig Spaß. Zoe war als Guide dabei und wir unterhielten uns gemeinsam mit Becca sehr lange. Außer uns dreien waren nur Mike und Markus mit dabei und wir fuhren alle im Single. Auf dem Rückweg schauten wir bei Kurt und Nolan vorbei, die versucht hatten, einen Lachs für uns zu fangen. Leider ohne Erfolg. Zwar hatten sie zweimal einen an der Angel, aber beide Male fielen sie unversehrt wieder ins Wasser. Pech für die, Glück für die Fische.


Am Abend am Lagerfeuer bekam ich von einem anderen Campbewohner Rotwein und wir saßen noch lange am Feuer und sahen, wie die Sterne wieder zum Vorschein kamen. Diesmal hielt ich aber nicht wieder so lange durch und ging Richtung halb 12 ins Bett.


28.07.2022

Orca Camp – Fähre nach Vancouver – Vancouver

“Meanwhile, in Canada” – unknown


Der letzte Tag des Orcacamps brach an. Und ich war noch nicht bereit, zu gehen. Geweckt wurden wir von dem

Signal, dass Orcas gesichtet wurden, also sprangen wir aus dem Bett und liefen zum Strand. Es war Sonnenaufgang und wir konnten tatsächlich eine Gruppe Orcas beobachten. Nicht mehr so nah, wie diejenigen, die sie zuerst gesichtet haben, aber immerhin. Am Vorabend hatte ich noch gescherzt, dass wir jeden Tag Orcas sehen würden. Ganz nach dem Motto „An Orca a day…“ Und jetzt passierte es tatsächlich.

Als sie wieder weg waren, packten wir schonmal die Koffer und gingen pünktlich um 6:30 auf unsere letzte Kajaktour. Mike und ich schnappten uns noch einmal ein Single und genossen die letzte Fahrt.

Nach dem Frühstück halfen wir dann, das Zelt für die Nächsten vorzubereiten. Obwohl wir absolut nicht gehen wollten. Gerade hatte man sich mit den Leuten aus der Gruppe und mit den Guides angefreundet und war sicher beim Kajakfahren geworden und schon musste man wieder gehen. Am liebsten hätte ich mich an einen Baum gebunden und wäre geblieben. Oder ich hätte mich im Wald versteckt und wäre erst wieder herausgekommen, nachdem alle abgeholt worden waren. Leider ging das nicht. Fast die ganze Gruppe saß am Strand, starrte aufs Meer hinaus und unterhielt sich, bis wir schließlich auf zwei Boote aufgeteilt wurden. Die neuen Bewohner kamen an und wir gingen.



Gemeinsam mit der deutschen Familie, Jeff und Frenchie (beide hatten jetzt ihre freien Tage), waren wir dem späteren Boot zugeteilt. Wir bekamen Lunch auf dem Boot und der Kapitän sagte uns, dass sie auf dem Hinweg Orcas gesehen hatten und er denkt, wir könnten gute Chancen haben.

Das war nicht übertrieben. Keine 5 Minuten später standen wir an Deck und beobachteten eine Gruppe Orcas, die von Delfinen geärgert wurden. So interpretierte es zumindest Jeff, der über die Sichtung genauso begeistert war, wie ich. Wir beobachteten sie eine Wiele und fuhren schließlich weiter.



Nur um 2 Minuten später wieder zu halten. Der nächste Pod Orcas schwamm direkt auf uns zu. Diesmal eine größere Gruppe von 9 Tieren. Wir warteten mit ausgeschaltetem Motor und die Tiere schwammen relativ nah an uns heran. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Wieder fuhren wir los, nur um wenige Minuten später wieder zu halten. Ein kleinerer Pod schwamm nicht weit entfernt an uns vorbei. Ein großes Männchen, zwei Weibchen und ein Baby.

Wir beobachteten sie eine Weile und dann passierte es: Ein Orca sprang vollständig aus dem Wasser. Zwei weitere folgten kurz darauf. Alle staunten. Das zu sehen, war sehr selten. Frenchie hatte das noch nie und ich hatte Jeff erst kurz zuvor danach gefragt. Er hatte es zwar schon beobachten können, jedoch noch nie bei den Northern Residents. Was für Glückspilze wir doch waren! Ich sah nicht glücklich aus, denn ich weinte vor Freude darüber. Schon wieder. Auch Jeff war überglücklich und der Einzige, der in diesem Moment gefilmt hatte. Wir anderen hatten gerade die Kameras sinken lassen, da sie sich immer weiter entfernt hatten.

Den Rest der Rückfahrt konnten wir schlafen und als wir am Nachmittag in Campbell River ankamen, verabschiedeten wir uns wie alte Freunde. Wir fuhren nach Nanaimo, wo wir noch etwas aßen, bevor wir die Fähre zurück nach Vancouver bestiegen. Mitten in der Nacht kamen wir an unserem letzten Hotel der Tour in Downtown Vancouver an. Die Gegend machte erst einmal keinen besonders schönen Eindruck auf uns und die versprochenen Parkplätze des Hotels waren aktuell nicht nutzbar. Eine Klimaanlage gab es auch nicht. Na ja, nicht ideal, aber zum Schlafen reichte es.

Ach ja, für alle, die es interessiert: Mein erstes Buch habe ich tatsächlich noch vor dem Orca Camp ausgelesen. Im Camp habe ich dann schon mit dem zweiten Buch begonnen.


Dekoration im Orcacamp


29.07.2022

Vancouver

“Canada is a really big melting pot of cultures, so we ended up with a giant mosaic of different music.” –Alessia Cara


Wir schliefen aus. Was bedeutete, dass wir um 7:30 aufwachten und uns fertig machten. Wir trödelten ein bisschen und fuhren zu Tim Horton. Ich habe in Kanada vielleicht eine leichte Abhängigkeit nach einem Getränk von dort entwickelt: Cold Brew Roasted Hazelnut. Ein Traum. Danach fuhren wir zum Designer-Outlet direkt am Flughafen Vancouver. Ich hatte gehofft, dort neue Sketchers zu bekommen, da ich diese Schuhe für die Arbeit liebte, meine aber langsam kaputt gingen. Leider waren die Preise teilweise sogar teurer als bei uns. Also nicht wie in den USA. Pech gehabt. Dafür konnten wir ein paar Schnäppchen in Outdoor-Geschäften machen. Endlich habe ich Langarmshirts mit Lichtschutzfaktor, die aber nicht zu dick waren. Apropos Lichtschutzfaktor: Im Orcacamp hatte ich mich ordentlich im Gesicht verbrannt – trotz Sonnencreme.

Mittags fuhren wir dann nach Grenville Island, wo wir vor allem ein Problem hatten: Einen Parkplatz zu finden. Die Insel war bis oben hin voll und wir suchten eine ganze Weile. Nachdem wir Autos überhaupt nicht mehr gewohnt waren, war das eine ganz schöne Umstellung. Schließlich fanden wir einen versteckten Parkplatz in der hintersten Ecke der Insel. Dadurch liefen wir bereits durch das Künstlerviertel und vorbei an einigen Geschäften und Galerien. Es gefiel uns auf Anhieb. Mein persönliches Highlight war aber ein Geschäft für Kinder. Am Eingang gab es eine Tür für Erwachsene und eine für Kinder. Ich habe beide ausprobiert. Innen waren zahlreiche kleine Läden, ein Indoor Spielplatz und eine Spielhalle. Beeindruckt war ich aber vor allem von der liebevollen Dekoration, die überall von den Decken und an den Wänden hing. Einfach ein Paradies für Kinder. Okay. Und für Erwachsene wie mich.

Wir verbrachten dort eine ganze Weile, bevor wir schließlich weiter die Insel erkundeten. Wir sahen uns die Touristentouren an, die alle von dort aus möglich waren. Es gab unter anderem eine interaktive Piraten-Schiffstour. Die klang gut und witzig sah es auch aus, wie alle Teilnehmer in Kostümen zum Schiff spazierten. Dann fanden wir die große Markthalle, die uns wärmstens von allen empfohlen wurde. Ich kaufte mir sehr schnell eine große Schale Erdbeeren und eine große Schale Kirschen. Das sollte mein Mittagessen an dem Tag und mein Frühstück und Snack am darauffolgenden Tag werden. Wir schlenderten durch die Hallen und bewunderten die Marktstände mit frischem Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Backwaren und süßen Leckereien. Wenn wir in Vancouver wohnen würden, würden wir dort definitiv regelmäßig einkaufen. Auch einen Foodcourt gab es, an dem sich Mike noch einen Crêpe holte. Ich blieb bei meinem Obst. Diese Massen musste ich alleine erstmal schaffen.

Später aßen wir am Hafen noch ein superleckeres Eis, bevor wir die Insel wieder verließen. Wir wollten weiter in die City und stellten schnell fest, wie teuer Parken dort sein konnte. 9 Dollar pro Stunde, das ist ordentlich. Aber wir wollten noch einmal virtuell in die Rocky Mountains zurückkehren und gingen deshalb zum Fly over Canada. Eine Art 4 D Kino, in dem man das Gefühl bekommt, über Kanada zu fliegen. Saisonal lief gerade ein Film, der sich nur auf die Rocky Mountains bezog. Der Flug machte richtig spaß. Man fühlte sich wie in einer Achterbahn. Wir konnten den Wind spüren, die Natur riechen und flogen über verschiedene Berge und Kleinstädte der Rockys.

Als Abschluss es Tages gingen wir nochmal im Dannys essen, bevor wir in unser viel zu warmes Hotelzimmer zurückkehrten.


30.07.2022

Vancouver

“My favourite place in the world to run is Stanley Park in Vancouver. One loop around there is perfect.” – Matthew Morrison


Der letzte komplette Tag in Kanada war angebrochen. Darüber wollte ich gar nicht nachdenken. Viel zu schnell war die Reise meines Lebens, mein großer Traum, vorbei.

Als Abschluss fuhren wir noch zum Stanley Park, den wir mit dem Tandem Fahrrad erkunden wollten. Da wir noch nie mit so etwas gefahren waren, war der Anfang etwas holprig. Es erinnerte mich ein bisschen an einen Albatros, der starten wollte und leichte Schwierigkeiten bekam. Im Endeffekt schafften wir es aber sofort, auch wenn es vielleicht nicht so elegant wirkte.


Zunächst fuhren wir einmal um die Insel herum. Immer an der Küste entlang. Wir hatten wunderschöne Ausblicke, sahen viele Leute an den diversen Stränden und entdeckten ein Freibad direkt am Meer. Danach fuhren wir noch weiter und versuchten, auch das Innere der Insel bzw. des Parks zu sehen. Wir entdeckten einige Totempfähle, einen Souvenirshop, Urwaldähnliche Abschnitte und das Vancouver Aquarium. Von außen wirkte es zwar klein, machte aber einen guten Eindruck. Sie kämpften aktiv gegen die Plastikflut, indem es vor Ort kein Plastik mehr gab. Außerdem hatten sie ein Sanctuary für Robben und Seelöwen, in dem die Tiere gesund gepflegt und anschließend wieder ausgewildert wurden. Zumindest behaupteten sie das. Wir hoffen einfach mal, dass das so stimmt. Kurzerhand gingen wir hinein und sahen uns um. Das Sanctuary und die Seeotter fand ich persönlich am Beeindruckendsten. Im Preis mit inbegriffen war ein 4D Kino, in dem man eine kleine Robbe bis zur ersten eigenen Jagd begleitet. Das war sehr schön gemacht.


Danach ging es noch kurz mit dem Tandem weiter. Nach 5 Stunden gaben wir das Rad wieder ab und fuhren weiter über North Vancouver bis nach West Vancouver. Wir wollten etwas abseits der Massen noch an den Strand gehen und fuhren einfach zu den, an dem wir beim letzten Besuch schon waren. Wir schwammen eine Runde und ich versuchte, Mittagschlaf zu machen. Mike ließ mich nicht. Wir sind einfach keine Strandgänger. Schon bald liefen wir durch die Straßen und sahen uns die zahlreichen Boutiquen an. Da wir noch keinen Hunger hatten, entschieden wir spontan, einen weiteren Tipp der Einheimischen umzusetzen. Wir wollten uns das Universitätsgelände ansehen. Wir fuhren also durch die Stadt zur University of British Columbia. Wir fuhren erst etwas über den riesigen Campus uns parkten schließlich an einer Straße, in dessen Nähe es viele Restaurants und Cafés gab. Doch wir waren noch immer nicht hungrig und liefen weiter über das Gelände. Wir sahen einige Sportanlagen und Wohnkomplexe. Von einfachen Studentenwohnungen zu Luxusvillen war alles dabei. Auf der Karte sah ich neben dem botanischen Garten 2 Strände. Die wollte ich mir ansehen, um neidisch auf die Studenten zu werden. Doch wir liefen und liefen und liefen. Der Strand war hinter Klippen verborgen und wir fanden einfach keinen Weg nach unten. Auch wenn wir die Studenten unten hörten, gab es scheinbar keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Natürlich musste es einen Weg geben, doch nachdem wir über 1 Stunde gelaufen waren, kehrten wir schließlich um, ohne den Strand wirklich gesehen zu haben. Wir mussten ja auch noch zurück und etwas essen.

Wir aßen schließlich im Biercraft. Scheinbar ein beliebter Ort für Dates. Die Preise waren super für ein Restaurant in Kanada. Und noch dazu schmeckte es vorzüglich. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis unserer Reise. Das wollten wir uns merken: In Großstädten in der Nähe vom Campus essen schien eine gute Idee zu sein.

Zurück im Hotel packten wir unsere Koffer und schliefen ein letztes Mal in Kanada ein.


31.07.2022

Vancouver – München – Berlin

“Canada is a free country, after all.” –Rebecca McNutt, The Collected Smog City Book Series


Wir checkten um kurz nach 9 aus. Auf dem Weg zum Auto dann eine böse Überraschung: Schon von Weitem erkannten wir eine graue Decke auf der Frontscheibe unseres Autos. Als wir näher kamen, sahen wir einen kleinen Zettel auf der Decke, auf dem etwas Unlesbares und das Wort „Dirty“ stand. Na lecker. Mit Fingerspitzen entfernte ich die Decke. Unter der Decke war es nass und ein Uringeruch stieg in unsere Nasen. Der perfekte Abschied. Immerhin waren keine Kratzer oder Beulen zu sehen.

Wir nutzten unseren letzten Wasserkanister, um das Auto zu reinigen und fuhren los. Wir wollten gleich früh noch einmal nach Granville Island, die kleinen Läden dort genießen und uns auf dem Markt ein schönes Frühstück gönnen. Wir schlenderten lange auf der Insel. Ein wirklich schöner, zentral gelegener Ort, der morgens sehr entspannt ist. Nach dem Frühstück (okay mein Essen gehörte wohl eher zur Kategorie Mittagessen) saßen wir noch eine Weile am Meer und genossen die Aussicht. Innerlich nahm ich Abschied. Ein Abschied, der mir sehr schwer fiel. Ich war noch nicht bereit, zu gehen. Die Reise meiner Träume sollte schon wieder enden. Und das wollte ich auf keinen Fall.

Dennoch verließen wir die Insel gegen 11.30 wieder. Ich wollte unbedingt noch einmal zu Tim Hortons. Man würde mir der Kaffee von dort fehlen. Nur eins zu finden, das auf dem Weg zum Flughafen lag, war gar nicht so einfach.

Am Flughafen lief dann alles wie am Schnürchen. Zwar wollte mein Handy nicht durch den Sicherheitscheck kommen, ich musste es gesondert abholen, aber sonst war alles gut. Wir waren wieder sehr pünktlich da und holten uns kurz vor dem Abflug noch etwas zu Essen. Der Flug verspätete sich um etwa 1 Stunde. Zum Glück war unser Anschlussflug schon im Vorfeld verschoben worden. So hatten wir noch genügend Zeit und konnten entspannt fliegen.

Wider Erwarten klappte der Umstieg in München problemlos. Ich habe wirklich fest damit gerechnet, dass der Flug nach Berlin entweder gecancelt oder ohne uns abheben würde. Aber wir kamen pünktlich in Berlin an und auch unsere Koffer hatten es geschafft.

Wir kamen nach einer Busfahrt zu Hause an und waren beide in Gedanken noch in Kanada.

Sollten die 3 ½ Wochen tatsächlich schon wieder vorbei sein?




Afterthoughts

„Kanada hat einen festen Platz in meinem Herzen. Beinahe als wäre das Land eine Person, die mich immer wieder zu sich ruft.“

Zitat nach Carina Schnell


War Kanada das, was ich mir vorgestellt habe? Nein, es war noch viel mehr. Ich habe mich in diesem Land wie zu Hause gefühlt. Überall, wo man hinsah, war Schönheit. Berge, das Meer, Tiere. Die Liebe zur Natur war den Kanadiern anzumerken. Ich habe mich verliebt und einen Teil meines Herzens dort gelassen. Kanada war ein Traum, der sich nach vielen Jahren endlich erfüllt und mich nicht enttäuscht hat. Täglich denke ich an die wundervollen Erfahrungen, die ich dort machen durfte.

Nun, wo mein Traum erfüllt wurde, suche ich nach einem neuen Traum. Ich glaube nicht, dass es noch einmal einen Ort geben kann, der mich genauso begeistert, wie Kanada es getan hat. Eines weiß ich sicher: Kanada wird immer einen festen Platz in meinem Herzen haben.

Ob ich noch einmal zurückkehre? Auf jeden Fall!


In Canada, my dreams came true...

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